Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Fundamentalisten in der Fußgängerzone

Etwas befremdlich ist das Ansinnen schon. Die Zeugen Jehovas tun es, Scientologen, Hare-Krischna-Anhänger und so gut wie jede in Deutschland missionierende Sekte auch: In der Öffentlichkeit werben und zu diesem Zweck Bücher verteilen. Nur wenn Salafisten das gleiche machen, schreien Politiker von CDU bis Grüne empört auf. Verbieten müsse man ihnen das. Und verwundert fragt man sich wieso.

Dabei ist das Buch, welches die radikalislamische Gruppe um Ibrahim Abou-Nagie möglichst an alle deutschen Haushalte verschenken will, noch nicht einmal eine Überraschung. Praktisch jede größere öffentliche Bibliothek dürfte bereits Exemplare besitzen, teilweise sogar in der gleichen Übersetzung. Und Politiker von CDU bis Grüne werden doch sonst nicht müde zu betonen, wie wundervoll und inspirierend sie dieses Buch finden.

Warum also dieses ganze Geschrei? Nun, es gibt da noch eine Gruppe, die auch so ihre Schwierigkeiten hat, wenn sie öffentlich mit Informationsständen werben will. Es sind das die Islamkritiker. Wovor warnen diese? Sie wollen die Öffentlichkeit darüber aufklären, daß Europa davon bedroht ist, von einer Kultur überrannt und verdrängt zu werden, die ihr im Wesenskern völlig fremd und entgegengesetzt sei.

Die gleichen universellen Werte?

Alles falsch, wird den Islamkritikern vorgeworfen. Der Islam teile mit uns die gleichen, universellen Werte, die nicht bloß in den Kulturen Europas verwurzelt seien. Auch er kenne die Freiheit des Wortes, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Unverletzlichkeit der Person und so weiter. Nicht die massenhaft einwandernden Moslems seien das Problem, sondern diejenigen, die auf die damit verbundenen Probleme hinweisen.

Jaja, wir leben alle unter dem gleichen Himmel, glauben alle an den gleichen Gott, haben alle die gleichen Werte, so überspült uns die Propaganda tagein, tagaus. Und mit jedem Tag wird ihre Verlogenheit deutlicher. Mußte man früher noch ein Flugticket kaufen, um eine ferne und fremde Kultur zu erleben, so brauchen dazu heute mehr und mehr Deutsche nur die Straßenseite zu wechseln. Um eben das festzustellen: ferne und fremd.

Gibt es also vielleicht doch so ein kleines, nicht der Rede wertes, aber doch irgendwie vorhandenes Problem mit dem Islam? Aber halt, da gibt es ja noch jemanden, so wird uns erzählt. Dieser andere, das ist der so genannte „Islamist“. Was aber ist das für einer? Nun, Moslems als solche seien schon so, wie die Propaganda behauptet. „Islamisten“ dagegen sind Moslems, wie sie die Islamkritiker sehen wollen.

Was ist ein „Islamist“?

„Islamismus“, so lehrt man uns, sei ein „Mißbrauch“, die „politische Instrumentalisierung“ der „grundsätzlich friedlichen“ und „unpolitischen“ Religion des Islams. So ungefähr lauten die Phrasen. „Islamisten“, so heißt es weiter, seien eine „radikale Splittergruppe“, die nicht für die Mehrheit der Moslems sprechen könne, die „gut integriert“ sei und ansonsten dem propagandistischen Wunschbild entspräche, wie oben beschrieben.

Es scheint also zu sein, daß Islamkritiker und die „Islamisten“ sich auf eine völlig andere Religion beziehen würden. Aber stimmt das, oder ist es vielleicht eher so, daß sich die Propaganda einen Wunschislam mit Wunschmoslems zurechtbastelt, wohingegen die Islamkritiker diejenigen mit dem nüchternen Blick auf die Realität sind? Betrachten wir einmal eine andere Religionsgemeinschaft.

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. versteht sich als streng römisch-katholisch. Aber das sind sie nicht, so könnte man einfach mal behaupten. Sie seien in Wirklichkeit „Katholizisten“, welche die „grundsätzlich weltoffene“ und „religiös synkretische“ katholische Lehre für ihre Zwecke „mißbrauchen“ würden. Das ist zwar ziemlicher Unsinn, selbst ihre erbittertsten Gegner bestreiten nicht den katholischen Glauben der Bruderschaft, aber warum nicht.

Die katholische Kirche existiert erst seit 1962

Es wird schon so viel Unsinn in der Welt behauptet, warum nicht auch dieser. Also weiter im Text. Die Priesterbruderschaft versteht sich als Teil der einen, Heiligen und unteilbaren, römisch-katholischen Kirche. Allerdings lehnt sie wesentliche Änderungen der katholischen Lehre ab, wie sie durch das Zweite Vatikanische Konzil vor einem halben Jahrhundert eingeführt wurden. Sie sieht in ihnen eine Nivellierung des Glaubens.

Was bedeutet diese Haltung für unsere Argumentation? Nun, es kann nichts anderes heißen, als daß die römisch-katholische Kirche offensichtlich erst im Jahr 1962 gegründet wurde. Die zwei Jahrtausende davor existierte nur die Gemeinschaft der „Katholizisten“, wie sie heute noch von der Priesterbruderschaft und anderen, konservativen Bewegungen vertreten wird. Die aber haben alle nichts mit dem heutigen, römisch-katholischen Glauben zu tun.

Das ist – mit Verlaub – hochgradiger Schwachsinn. Aber man ersetze in der Argumentationskette „katholizistisch“ durch „islamistisch“, „Priesterbruderschaft Pius X.“ durch „Salafiyya“, ändere ein paar historische Details – und was erhält man? Den aktuellen Verfassungsschutzbericht! Und damit diese Idiotie nicht auffällt, reagiert man sich ab. An Islamkritikern und denjenigen, die ihren Glauben nicht mißbrauchen, sondern ganz einfach ernst nehmen.

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