Ferienpost aus Masuren

Der Tag ist aufgegangen über dem Lampasch-See. In tausend Perlen bricht sich das frühe Sonnenlicht auf der spiegelglatten Wasserfläche. Im Schilf ein hölzerner Kahn; das Rauschen der Halme und der Weiden spielt einen ewigen Grundton dazu. Vom anderen Seeufer grüßt ein alter Gutshof herüber.

Masuren, das südliche Ostpreußen, hat noch viele solcher Winkel,  an denen sich die Welt in den letzten hundert Jahren scheinbar nicht verändert hat. Scharen von Störchen suchen auf den frischgemähten Wiesen nach aufgewirbeltem Kleingetier wie ehedem; kilometerlange Bänder von Alleen aus uralten Weiden oder Eichen säumen die schmalen Landchausseen, die Dörfer und Kleinstädte inmitten endloser dunkler Wälder und tausender kristallner Seen verbinden.

Auf den zweiten Blick ist freilich alles anders. Den Dörfern und Städten ist bis heute anzusehen, daß ihre architektonische Kulisse – in den ältesten Teilen, den Burgen und Kirchen des Deutschen Ritterordens, kann sie mehr als siebenhundert Jahre alt sein – von Menschen bevölkert wird, deren Siedlungsgeschichte hier vor nicht einmal 70 Jahren begonnen hat. Den kulturellen und ökonomischen Aderlaß, den Kriegszerstörung und die Austreibung der angestammten deutschen Bevölkerung bedeuteten, konnten oder wollten sie genausowenig kompensieren wie die Neusiedler in den anderen Vertreibungsgebieten.

Die Heimwehtouristen bleiben aus

Aber das Land ist da. Es zieht alte und neue Bewohner, Deutsche und Polen, Reisende und Aussteiger in seinen Bann. Da trifft man polnische und deutsche Geschäftsleute, die einige der letzten verfallenen Gutshäuser und Schlösser akribisch restaurieren, um ihnen eine neue Zukunft als Hotel zu geben; deutsche Journalisten, Rechtsanwälte, Pfarrer, Pädagogen, Intellektuelle, die der Beruf nach Ostpreußen geführt hat, die immer wieder kamen und sich schließlich hier niedergelassen haben, um ein eigenes Aufbauwerk zu beginnen; Kulturreisende und Natursucher, die allmählich die „Heimwehtouristen“ der achtziger und neunziger Jahre ablösen, die ihre verlorenen Häuser, Höfe und Heimatorte noch einmal wiedersehen wollten.

Wer bei Urlaub nur an Türkei, Mallorca, Thailand denkt, aber noch nie in Ostpreußen war, der hat wirklich etwas verpaßt.

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