Digitale Empörung

Immer wieder kommt es im Internet zu Empörungswellen (Shitstorm), bei der zahlreiche Menschen ihren Unmut und ihre Kritik öffentlich kundtun, meist unsachlich und emotional, manchmal beleidigend.
 
So auch im folgenden Fall: Ein Abiturient eines Gymnasiums in Eschweiler schickte eine Email an eine regional tätige Vermietungsunternehmen und fragte, ob man ein günstiges Angebot für die Anmietung einer Hüpfburg für den Abiturscherz erhalten könne, da man nicht viel Geld habe. Die Antwort war resolut. Das Unternehmen entgegnete per Email, daß man vom Luxusdenken etwas abrücken solle, wenn man kein Geld habe. „Wir sind Vermieter und machen das beruflich für unseren Lebensunterhalt mit dem Ziel, nicht da zu stehen, wo Sie offensichtlich stehen. Sollten Sie bei uns irgendwo Schild gesehen haben ’Geschenkeladen‘, lassen Sie es mich bitte wissen …“

Auf den Hinweis des Abiturienten, man wolle nur ein günstiges Angebot und kein Geschenk und hätte sich über „ein wenig mehr Höflichkeit gefreut“ gegenüber den potentiellen Kunden der kommenden Jahre, erwiderte das Unternehmen klar auf den Punkt gebracht: „Studenten waren noch nie unsere Kunden aus wirtschaftlichen Gründen. Und sollten diese dann irgendwann mal Geld verdienen (70% werden Hartz IV), werden diese ihre Anfrage nicht mehr so stellen wie Sie, weil die dann in einer anderen Liga spielen. … Als Bittsteller sind Sie nirgendwo gern gesehen. …“

Der Aufstand der Empörten

Der Abiturient übersandte den Email-Verkehr der Aachener Zeitung, die einen Artikel darüber verfaßte und den ganzen Vorgang als „unfaßbar“ und „ungeheuerlich“ bezeichnete. Dieser Zeitungsartikel wurde wiederum vom Abiturienten auf Facebook veröffentlicht und fast 11.000 Mal weiterverbreitet. Zahlreiche andere Zeitungen und Medien griffen den Fall auf und berichteten. Manches Medium behauptete sogar, daß die Abiturienten durch die Firma beleidigt worden seien. Auf der Facebook-Seite des Unternehmens schrieben daraufhin zahlreiche aufgebrachte Menschen, was sie von diesem Unternehmen halten.
 
Die Empörten: „Ich kann es immer noch nicht fassen, was sie da abgezogen haben“ – „Pfui!“ – „Eine Schande für den Wirtschaftsstandort Deutschland“ – „Da fällt mir nur eins ein: Armselig!“ – „Schämen solltet ihr euch.“ – „Sauerei was Sie da gemacht haben …“ – „Das ist wirklich das widerlichste verhalten, dass mir von einer Firma je unter gekommen ist.“
 
Die hämischen Kommentare: „Die Inhaber hätten noch ein paar Jahre Schule dranhängen sollen, eventuell ein Studium der Kommunikationswissenschaften dann wäre sowas nicht passiert“ – „Kann man, im Falle der Insolvenz, eine solche Hüpfburg erstehen?“ – „Den Imageschaden, den Sie nun davontragen, wünscht Ihnen wohl jeder von Herzen. Hoffentlich geht der Saftladen bald pleite.“ – „Viel Spaß bei der Insolvenz“

Und dann noch die Beleidigungen: „Hochmut kommt vor dem Fall! Bei Ihnen ist der Fall halt sehr heftig ausgefallen, und hoffentlich sind sie ordentlich auf die Fresse gefallen! Idioten!!!“ – „Die Firma ist wirklich eine Ansammlung von Obervollpfosten“ – „Sie sind dumm, dumm, dumm!“ – „Meine Fresse, wenn Dummheit weh täte, würde ich die Mitarbeiter wohl bis hierhin nach Berlin den ganzen Tag lang schreien hören!“

„Na und? Dann heult doch!“

Am besten sind jedoch die Kommentare, bei denen man als Leser eigentlich laut losbrüllen möchte: „Als deutscher distanziere ich mich von solchen Gestalten. Unfassbar, dass man solchen Typen überhaupt einen Gewerbeschein ausgestellt hat.“ – „Ihr seit [sic!] nicht dumm, ihr seit [sic!] noch viel dümmer!“
 
Man muß sich fragen, was Hunderte von Leuten antreibt, auf einer Facebook- oder Internetseite eines Unternehmens ihren Unmut oder sogar Beleidigungen zu hinterlassen. Zwar war die Antwort der Firma unhöflich und sachlich falsch (70 Prozent werden Hartzer), sie enthielt jedoch keine Beleidigung. Im Grunde dreht es sich hier nur um eine unbedeutende Hüpfburg für einen der derzeit zahlreich stattfindenden Abiturscherze. Eine freche Antwort eines Unternehmens? „Na und? Dann heult doch!“ möchte man den Abiturienten zurufen. Wenn das die einzige Ungerechtigkeit im Leben ist, die einem widerfährt, kann man sich glücklich schätzen.
 
Noch abstruser: Wildfremde Menschen haben das Gefühl, daß das Unternehmen durch die freche Antwort böser sein muß als Kater Karlo, Darth Vader und Lord Voldemort zusammen. Quasi das Böse schlechthin. Sie empfinden zudem die Antwort als Beleidigung. Und tun genau das, was sie gefühlsmäßig der Firma vorwerfen: Sie beleidigen („Obervollpfosten, Idioten“). Was ist los mit diesen Menschen? Sind wir verweichlicht? Harte und freche Ansprachen geschehen nun mal im täglichen Leben. Ob man als Unternehmer damit weiter kommt, ist eine ganz andere Frage. Das muß jedoch der Unternehmer entscheiden dürfen und verantworten, wie er seine Interessenten und Kunden anspricht. Es gibt keinen Grund, den Empörten zu markieren.
 

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