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Zeitreisen im Schatten des Atoms

Die vergangenen Wochen drehten sich, der Fukushima-Katastrophe sei’s geklagt, überwiegend ums Atom. Eine Parallelmeldung aus subatomarer Ebene rutschte in die Randspalten, eine Nachricht über wissenschaftliche Zielsetzungen, die im Falle des Gelingens, unsere Erde noch stärker prägen dürfte als sämtliche Atom-GAUs zusammen.

Urheber ist mal wieder der Genfer Teilchenbeschleuniger „Large Hadron Collider“ (LHC). Dessen Suche nach dem Higgs-Boson, jenem Teilchen, das der Materie ihre Masse verleiht, sorgte vor zwei Jahren bereits für Aufruhr. Mancher Zeitgenosse fürchtete, bei der Protonenkollision könnten schwarze Löcher entstehen, die zuletzt die gesamte Erde verschlängen. Das ist nun nicht passiert, aber Physiker der Vanderbulit University, Chiu Man Ho und Thomas J. Weiler, trauen dem gigantischen Teilchenbeschleuniger nun die Funktion als Zeitmaschine zu. Mit ihm, so spekulieren sie, ließen sich womöglich Botschaften in Vergangenheit und Zukunft senden.

Eine Vermutung, die das Erzeugen eines weiteren Higgs-Partikels, des Higgs-Singlets, voraussetzt: Das könne nämlich in Vergangenheit und Zukunft springen, weil seine Existenz nicht drei, sondern 10 bis 11 Dimensionen voraussetzt. Durch die könne das Teilchen zu einem früheren oder späteren Zeit-Punkt „reisen“. Freilich wäre die Zeitreise bei der Kollisionskapazität des LHC arg begrenzt: Es handelt sich nur um eine Pikosekunde (?0,000 000 000 001 Sekunden). Man sieht, selbst wenn es gelänge, wäre solches Zeitreisen vorerst nicht existentiell. Dennoch weckt der kleinste Lichtspalt, der ins Gefängnis des Zeitgottes Chronos fällt, seltsame Phantasien und Hoffnungen.

Virtuelle Reise zum Urtrauma

Kein Mensch lebt nur in der Gegenwart. Planung und Phantasie versetzen ihn in die Zukunft, Erinnerung zurück in die Vergangenheit. Physische Zeitreisen hingegen waren lange Zeit das Privileg der Kunst. So konnte Goethes Faust im zweiten Teil durch Mittelalter und Antike bewegen, in virtuelle und reale Vergangenheit. Glaubt der Mensch doch, daß die Vergangenheit seinen mystischen Ursprung, die Antwort auf die „Woher-komme-ich?“-Frage birgt.

Als Parsifal sich in Wagners gleichnamigen Musikdrama (1882) der Gralsburg nähert, erkennt er: „Ich schreite kaum, – / doch wähn’ ich mich schon weit.“ Worauf der Ritter Gurnemanz antwortet: Du siehst, mein Sohn, / zum Raum wird hier die Zeit.“ Wenige Jahre darauf kreierte Sigmund Freud die Psychoanalyse: In ihr führt die virtuelle Reise zum Urtrauma, zum finsteren Gral früher Kindheit, um das eigene Leid zu verstehen.

Davon abgesehen, schien potentielles Zeitreisen zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr auf magischer, imaginärer, sondern ausschließlich auf technischer Grundlage vorstellbar: H.G. Wells schrieb den berühmten Sciencefiction-Roman „Die Zeitmaschine“. Darin bleibt die Welt trotz solcher Reisen seltsam stabil. Erst Roger Cormans „Frankenstein“-Verfilmung (1990) hegt apokalyptische Befürchtungen: New Los Angeles, ehemals Genf (Standort des LHC!), im Jahr 2050 – der Atomwissenschaftler Dr. Joe Buchanan konstruiert eine Anti-Materie-Waffe, schießt dabei einen Riß in die Raum-Zeit, und fällt zurück ins Jahr 1817.

Hat schon wieder jemand die Geschichte korrigiert

Dort begegnet er der Dichterin Mary W. Shelley, die an ihrem legendären Frankenstein-Roman schreibt, während das Monster bereits real umherschleicht und das Raum-Zeit-Loch die gesamte Erde zu verschlingen droht… Jede Grenzüberschreitung birgt die Gefahr der (Selbst-)Zerstörung.
Eine wichtige Motivation für Zeitreisen wurzelt im Wunsch, Vergangenheit zu korrigieren: Der Film „Die Tür“ (2009) zeigt einen Vater, durch dessen Fahrlässigkeit die eigene Tochter starb. Schließlich geht er via Zeittunnel fünf Jahre zurück, um den Tod des Kindes diesmal zu verhindern. Bald begegnet er seinem früheren Ego, tötet es, löscht so seine Vergangenheit als Versager aus.

Man braucht aber gar nicht so weit zu gehen, zumal Chiu Man Ho und Thomas J. Weiler keinen Zeittransfer von Menschen zur Debatte stellen, sondern lediglich einen Zeittunnel für Informationen. Angenommen, man könne tatsächlich Botschaften in die tiefere Vergangenheit senden, die Menschen um 1978 vor Khomeini, um 1974 vor Pol Pot, um 1949 vor Mao, um 1933 vor Hitler und so weiter warnen. Nehmen wir weiterhin an, unsere Warnungen würden ernst genommen und entsprechende Untäter vor Antritt ihrer Schreckensherrschaft beseitigt.

Müßte durch solche Änderungen der Historie und der von ihr ausgehenden Kausalwirkungen nicht auch die Gegenwart augenblicklich in eine andere springen? Stellen Sie sich vor: Sie wachen morgens auf, alles ist anders und Sie rufen ärgerlich aus: „Hat schon wieder jemand die Geschichte korrigiert!“ Würde aber trotz Vergangenheitskorrektur die Gegenwart bleiben wie gehabt, könnte das zwei Gründe haben: 1) Die Vergangenheit wäre in einem Paralleluniversum „gegenwärtig“ oder 2) es gäbe gar keine Kausalität.

Zeitreise versus Kausalitätsgesetz

Genau an diesem Kausalitätsproblem macht Dieter Lüst vom Münchner Max-Planck-Institut für Physik seine Kritik an Hos und Weilers Spekulationen fest: Zeitreisen verstießen gegen das Kausalgesetz, erklärte er gegenüber Spiegel online. Weiler konterte: „Es gibt kein bewiesenes Gesetz von Ursache und Wirkung.“

Eine ganz andere Deutung eröffnet die 2002er Verfilmung der „Zeitmaschine“ von Simon Wells, einem Nachfahren von H.G. Wells. Der bereichert die Romanvorlage um folgende Anekdote: Alexander Hartdegen, Erfinder der Zeitmaschine, spaziert mit seiner Geliebten durch den Londoner Hydepark. Ein Räuber überfällt beide, ermordet die Freundin. Verzweifelt testet Hartdegen seine Maschine, fährt zurück bis eine Stunde vor dem Attentat, weicht der tödlichen Situation aus, indem er seine Geliebte nicht in den Park, sondern durch die Straßen führt. Aber, pünktlich zur Todeszeit, wird sie von einer Kutsche erfaßt, überfahren und stirbt erneut… Lebensdauer als Schicksal, egal wodurch es sich realisiert.

Hier brachte die Zeitreise eine metaphysische Erkenntnis über die menschliche Existenz. Sollte sich aber eine rückwirkende Veränderung der Geschichte auf die Gegenwart auswirken, wird der Staat jegliche Zeit-Postsendung verbieten oder strengstens kontrollieren. Bereits in der „Perry Rhodan“-Romanserie existierte eine Zeitpolizei. Die sollte „jede Manipulation der Zeitlinie – sogenannte Zeitverbrechen – entdecken und bekämpfen“ (Perrymedia), also jeden Versuch, die Geschichte beziehungsweise den Kausalzusammenhang rückwirkend zu verändern.  

All diese Beispiele zeigen: Der Mensch spürt, daß die Frage nach der Zeit die Urfragen seiner Existenz tiefer berührt, als eine Raumrevolution es je könnte. Gilles Deleuze erkannte in der alleinigen Akzeptanz linear verlaufender Chronos-Zeit eine Ursache des abendländischen Nihilismus. In diesem Fall wäre ein Ausweg nur durch deren Aufbruch möglich – durch die Zeitmaschine.

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