Geschlechterkrampf in der Alpenrepublik

In Gewerkschaftsbiotopen gedeiht eine absonderliche Sorte von sozialistischen Funktionären, die zwar kaum wissen, wie es in einem real existierenden und arbeitenden Betrieb zugeht, aber dafür um so mehr sicher (und gar nicht schlecht) bezahlte Zeit übrig haben, um ihre ideologischen Flausen auf die geplagte Arbeitswelt loszulassen.

Kein Wunder also, daß sich auch Gender-Ideologen in dieser Schutzatmosphäre besonders wohlfühlen. Da gibt es in Österreich zum Beispiel den Vorsitzenden der „Gewerkschaft der Privatangestellten“ (GPA) – immerhin die größte Einzelgewerkschaft im Österreichischen Gewerkschaftsbund ÖGB – Wolfgang Katzian und seine Bundesgeschäftsführerin Dwora Stein, die sich für die diesjährige Lohnrunde was ganz Schlaues ausgedacht haben. Weil „die Frauen“ angeblich himmelschreiend schlechter bezahlt werden als „die Männer“, soll es künftig alle paar Jahre Exklusiv-Lohnrunden nur für „die Frauen“ geben, damit deren Löhne und Gehälter stärker und schneller steigen als die „der Männer“.

Wo ein neuer Gender-Unfug in die Welt gesetzt wird, lassen die enthusiastischen Nachplapperer nicht lange auf sich warten. Der ÖGB-Vorsitzende, die Frauenministerin Gabriele Heinisch-Honsek von der SPÖ, die Grünen sowieso und selbst der einst freiheitliche, jetzt verwaiste und offenkundig orientierungslose Haider-Fanklub BZÖ klatschten spontan Beifall, von willfährigen Soziologen und Zeitungskommentatoren ganz zu schweigen. Die SPÖ-Frauen, so ein Zufall, machen die Beseitigung angeblicher Lohnungerechtigkeiten sogar zum Thema ihrer Herbstkampagne. Vernetzung ist eben alles.

Zaghaften Widerspruch meldete nur der Präsident der Wirtschaftskammer Christoph Leitl an: „Das ist doch ein entwürdigender Vorschlag für die Frauen, wenn man sagt, jetzt braucht man für euch arme Hascherln noch eine Extrarunde.“ Dafür gab’s dann auch noch Prügel von der ÖVP. Dabei hatte Leitl doch sogar gelobt, die Anliegen „der Frauen“ jederzeit und ständig in allen Lohnverhandlungen zu berücksichtigen. Bloß nicht anecken.

„Gender Pay Gap“ nur gefühlt?

Und bloß nicht zu laut sagen, daß man diese Schnapsidee gar nicht umsetzen kann, ohne Chaos anzurichten. Die Tarifverträge selbst sind ja neutral, müssen sogar die Gewerkschafter zugeben. Was also ist in den Betrieben, in denen Männer und Frauen sowieso gleich bezahlt werden – wahrscheinlich der Regelfall, warum sollte ein Arbeitgeber im Zeitalter des Fachkräftemangels gute Leute mutwillig vergraulen. Sollen die Männer dann per Tarifvertrag weniger bekommen? – Aber das sind dann ja nur Männer, die halten das schon aus, und es geschieht ihnen sowieso recht.

Und wie hoch ist überhaupt die angebliche „Geschlechterkluft“ bei den Einkommen? Konstant 40 Prozent, sagen die Gewerkschafter. Rechnet man die – bei Frauen besonders beliebten und bevorzugten – Teilzeitarbeitsverhältnisse raus und vergleicht die Bruttojahreseinkommen der Vollzeitbeschäftigten, sollen es 19 Prozent sein. Aber wie aussagekräftig ist so eine Zahl?

Das Statistische Bundesamt  hat im letzten Herbst den „Gender Pay Gap“ – in Deutschland soll der bei 23 Prozent liegen – etwas genauer unter die Lupe genommen, als Gewerkschaftsfunktionäre das zu tun pflegen, und festgestellt: zwei Drittel der „Lücke“ hängen von Arbeitsplatzstruktur, Berufs- und Branchenwahl, Ausbildungsstand, Arbeitszeitmodell und so weiter ab.

Lohnunterschiede werden überdramatisiert

Bleiben acht Prozent, in die wiederum zahlreiche Faktoren einfließen, die statistisch gar nicht meß- und erfaßbar sind: Daß Frauen seltener Zulagen aushandeln, häufiger aussetzen, weniger karrierebewußt und stärker sicherheitsorientiert sind; daß Männer häufiger Überstunden machen und sich verpflichtet fühlen, mehr ranzuklotzen, um der Familie trotz des immer gieriger zugreifenden Steuermolochs einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen – und so weiter.

Kurz gesagt: Die Unterschiede sind bei weitem nicht so dramatisch wie dargestellt, die Gründe sind vielfältig und individuell und haben wenig mit dem mangelnden Einsatz des sozialistischen Rasenmähers und viel mit individueller Entscheidungs- und Vertragsfreiheit zu tun. Wer bis zur letzten Konsequenz „Gleichstellung“ statt Gleichberechtigung und Ergebnisgleichheit statt Chancengleichheit durchpeitschen möchte, muß diese Grundpfeiler der Marktwirtschaft so lange schleifen, bis am Ende alle aus der Einheitswohnung im Einheitsauto für Einheitslohn im VEB arbeiten gehen.

So manchem Gewerkschaftsfunktionär würde das vielleicht sogar ganz gut gefallen, solange er selbst zur Nomenklatura gehört. Glaube jedenfalls niemand, daß der Wahn der sozialistischen Gleichmacherei durch rationale Widerlegung aus der Welt zu schaffen wäre. Das Thema läßt sich schließlich endlos variieren – schwule Männer verdienen übrigens im Schnitt weniger als Heteros, lesbische Frauen dagegen deutlich mehr als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen, will da nicht endlich jemand was unternehmen? Und der Chor der Konformisten findet eigene Lohnrunden für Frauen sowieso süffiger als die „öde Quotendebatte“. Mal sehen, wie lange es dauert, bis Ursula von der Leyen auf der Suche nach neuen Schlagzeilen dieses Betätigungsfeld entdeckt.

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