Langen Müller Sarrazin Wir schaffen das

 

Erdbebenkriege und Frauenforschung

Während der mediale Mainstream in seinen „Life-Tickern“ immer neue Schreckensszenarien aus Japan meldet, die Deutschen ihren Geigerzählerbestand nachrüsten und Frau Merkel plötzlich am liebsten alle Kernkraftwerke vom Netz nehmen würde bis die nächsten Landtagswahlen vorüber sind, toben im Internet verschwörungstheoretische Deutungsschlachten um die Ursachen des Erdbebens vor der japanischen Küste: Für Nina Hagen etwa ist es eine ausgemachte Sache, daß dieses keine natürliche Ursache habe, sondern durch earthquake machines des US-Militärs bewirkt worden sei.

Hinter solchen auf Facebook veröffentlichten Bekundungen der Sängerin, die sich in Wahlkämpfen gerne für die Grünen engagiert, stehen allerlei Mutmaßungen, die bereits letztes Jahr anläßlich des Erdbebens in Haiti durch die Medien gingen. Damals spekulierte die Ökofeministin und Patriarchatskritikerin Claudia von Werlhof in der österreichischen Zeitschrift Der Standard über eine geheime geophysikalische Kriegführung der Amerikaner, für die das HAARP-Forschungszentrum in Alaska genutzt werde, um mißliebige Regierungen (vor allem diejenige von Hugo Chavez in Venezuela) zu stürzen oder um Invasionen, etwa zur Erschließung neuer Ölfelder, vorzubereiten.

Bebenvorhersage statt Bebenerzeugung

Bei HAARP (High Frequency Acitve Auroral Research Program) handelt es sich um ein sowohl ziviles als auch militärisches Projekt zur Untersuchung der Ionosphäre mit Hilfe hochfrequenter elekromagnetischer Wellen; praktische Auswirkungen haben diese Forschungen, wegen der Reflexion von Funkwellen durch die freien Elektronen dieser Schicht der Atmosphäre, für Kommunikations- und Navigationszwecke.

Eine thematische Verbindung zu Erdbeben ergibt sich aus der Vermutung, daß es während und sogar vor diesen zu Veränderungen in der Ionosphäre kommen könnte; eine Vorhersage von Erdbeben ist also in Zukunft eventuell möglich, deren künstliche Herbeiführung nach allgemeinem Kenntnisstand aufgrund der ungeheuren Energie, die zu entfesseln wäre, aber auszuschließen.

Außenseiterpositionen

Anders als bei der Diskussion des Klimawandels durch Kohlendioxidemissionen, die – mittlerweile – auch unter Naturwissenschaftlern sehr kontrovers geführt wird, vertreten die Erdbebenkriegshypothese nur außerhalb der Fachdiskurse stehende Autoren wie Nick Begich, der gleichwohl bei einer Anhörung des Unterausschusses für Sicherheit und Abrüstung des EU-Parlamentes 1998 über HAARP befragt wurde, oder die Politologin Claudia von Werlhof.

Letztere kann zwar als Professorin für Frauenforschung am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck nicht gerade als Expertin für naturwissenschaftlich-technische Fragen gelten – entsprechend vage und schwammig waren ihre Vermutungen in dem Standard-Interview –, und auch in der Forschung zu vor- und frühgeschichtlichen Gesellschaften dürften ihre schematischen Ansichten zu Matriarchat und Patriarchat höchst umstritten sein. Trotzdem repräsentiert sie einen medial und politisch einflußreichen Teil des heutigen akademischen Establishments.

Methodenverzicht der Geistes- und Kulturwissenschaften

Zweifellos gereichen solche, heute von Figuren wie Nina Hagen aufgegriffenen Äußerungen diesem nicht zur Ehre. Unabhängig von Werlhofs Ansichten über Erdbebenkriege, die man, wie der Leiter ihres Instituts, als private Außenseitermeinung abtun kann, entspricht die in ihnen zum Ausdruck kommende Haltung dem Methodenverzicht der politisch geförderten, ideologisierten Geistes- und Kulturwissenschaften: An die Stelle einer These, die man zu falsifizieren sucht, um durch Ausscheidung des Widerlegten zu (stets nur vorläufigen) Gewißheiten zu gelangen, tritt wie in Marxismus, Psychoanalyse, Darwinismus und Kreationismus das über jeden Zweifel erhabene, mit Tabu-Drohungen gepanzerte Dogma, das durch politisch genehme Beobachtungen lediglich bestätigt, keinesfalls aber durch widersprechende Fakten in Frage gestellt werden darf.

Nicht nur der Wissenschaftsbetrieb, sondern auch die seriös verfahrende außeruniversitäre Forschung oder auch politische Anliegen wie die – von Werlof nachdrücklich vertretene – Kritik der Globalisierung und der hemmungslosen ökonomischen Ausbeutung natürlicher Ressourcen werden dadurch diskreditiert.

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