Die philosophierende Offizierstochter

Am Anfang war das Verschwinden, und der Verschwundene war Gott. So erlebte es die kleine Lou von Salomé in Sankt Petersburg. Genauer gesagt: Zuerst schmolzen zwei Schneemänner. Die kleine Lou fragte den Hausknecht nach deren Verbleib. Der Witzbold antwortete mit einer Schauermär. Das Kind war verängstigt, irritiert, und fragte schließlich Gott, den väterlichen Begleiter. Der aber schwieg, und das Schweigen löste eine Katastrophe aus: Ihr Glaube zerbrach! Das „riß den Vorhang auseinander vor einer unaussprechlichen Unheimlichkeit, die dahinter gelauert hatte. Denn nicht nur mir hinweg entschwand ja der Gott, der auf dem Vorhang draufgemalt gewesen war, sondern überhaupt – dem ganzen Universum – entschwand er damit.“ 

Fortan sieht die Kleine die Welt der Erwachsenen mit anderen Augen: Sie hat Mitleid mit den Eltern, die vom Tode Gottes noch keine Kenntnis besitzen, schweigt deshalb und bleibt mit ihrem schrecklichen Wissen ganz und gar allein. Das fünfjährige Kind, das dieses Trauma erleidet, wurde am 12. Februar 1861 als sechstes Kindes einer deutsch-russischen Offiziersfamilie in St. Petersburg geboren.

Niemals sollte es die Gottessuche aufgeben, versuchte durch Reflexion des Lebendigen erneut zum Verlorenen vorzudringen. Als spindeldürre Pubertierende studierte Lou die Schriften von Leibniz, Kant, Schopenhauer und Spinoza, dessen Pantheismus ihr Lebenstrost und Fundament eigenen Denkens wurde: Geist und Körper als unterschiedlicher Ausdruck der einen göttlichen Ursubstanz.

Extreme Selbstausbeutung führte zum Zusammenbruch

In Zürich begann sie ein Studium der Philosophie und Religionswissenschaften; ihre extreme Selbstausbeutung führte zum Zusammenbruch, die junge Frau begann Blut zu spucken, man rechnete mit dem Tod. Eine Erholungsreise nach Italien bestimmte aber ein anderes Schicksal: In Rom traf sie die Philosophen Paul Rée und Friedrich Nietzsche. Eine platonische ?„ménage à trois“ begann. Trotz lebensbedrohender Krankheit schäumte die Offizierstochter vor Lebenswut.

Sie führte mit beiden Freunden ein aphoristisches Tagebuch, verfaßte ein trotziges „Lebensgebet”, das Nietzsche später vertonten sollte. Dessen Faktotum, Peter Gast, beschrieb Lou als „heroischen” Charakter, groß gewachsen, „sehr gut proportioniert im Bau, blond mit altrömischem Gesichtsausdruck“. Aber Nietzsche verliebte sich unglücklich in Lou, so zerbrach das Trio bald an seiner Eifersucht. Der Philosoph „erholte“ sich mit reichlich Opium und dem Schreiben seines „Zarathustras“, in dem er Lous Anmerkungen über Frauen paraphrasierte.

Die verarbeitete ihrerseits Gespräche mit Nietzsche und Rée zu dem Romandebut „Im Kampf um Gott“, brachte das Lebensgefühl der Gott-ist-tot-Generation auf den Punkt: Ihr Protagonist findet lebenslang keinen Ersatz für den verlorenen Gott, in keiner Selbstverwirklichung, in keiner Weltbetrachtung. Lous Debut wurde zum Erfolg, die Schriftstellerin war geboren.

Phallische Zeugungskraft

Als vaterfixierte Tochter besaß sie einen geradezu „männlichen“ Willen, eine „phallischen“ Zeugungskraft: Wenn ein Mann mit Lou zusammenkommt, bringt er neun Monate später ein Buch zur Welt, spöttelten Zeitgenossen über ihr befruchtendes Musentum. Das bekam der junge Rainer Maria Rilke zu spüren, der Lou nach der Lektüre ihres „Jesus“-Essays kontaktierte. Den eigenen Gottesverlust auf Jesus projizierend, spekulierte sie, daß der Gekreuzigte kurz vor dem Tod die Nichtexistenz Gottes, die Sinnlosigkeit seines Opfers erkannt habe. Deshalb sein verzweifelter Schrei: „Eli! Eli! lama sabachthani!“ – Mein Gott! Mein Gott! Warum hast Du mich verlassen?

Der psychisch labile Rilke fand eigene Jesus-Visionen bestätigt. Bald schon wurde Lou ihm Gefährtin und Muttersatz, an seinem Aufbau zum großen Lyriker hatte sie maßgeblichen Anteil. Später verfaßte sie eine aufschlußreiche Studie über ihn.
Da Lou ihre Männer regelmäßig fallen ließ, galt sie als „femme fatale“: Der Dramatiker Frank Wedekind stilisierte Lou zur männermordenden „Lulu” in „Erdgeist“ und „Büchse der Pandora“ – als Racheakt für frühere Zurückweisung.

Für Martin Bubers Zeitschrift „Die Gesellschaft“ schrieb sie den Großessay „Der Mensch als Weib“ (1910): Der Mann wird darin als extroviertes Wesen gedeutet, der sich in Hinblick auf Lebensaufgaben definiert. Die Frau hingegen lebe in sich zentriert, nutze alles zur Vervollkommnung des Selbst. Erst in der Mutterschaft werde der Trieb ins Soziale gehoben, in der Fürsorge für das Kind. Soweit die Theorie, ihr Alltag propagierte das Gegenteil: Lou lebte für ihre Arbeit, pflegte zahlreiche Affären, während sie mit ihrem Mann, dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas, eine platonische Ehe führte, die kinderlos blieb. Aber schließlich galt sie  auch als maskulin.

Hinwendung zur Psychoanalyse

Als 51jährige wandte sie sich der Psychoanalyse zu, verfaßte originelle Ergänzungen und Weiterführungen zum Freudschen Werk. Für Lou war die neugegründete Wissenschaft nicht nur konsequente Fortführung von Nietzsches Theorien, sondern eine Variante der Lebensphilosphie. Mehr noch, die darin vertretene Anthropologie, „die leiblichen und geistigen Auffassungen als Repräsentanzen voneinander aufzufassen, das muß nur bis zu Ende gedacht sein, um Spinoza bereits zu haben.“ So führte auch dieser Weg zu ihrem pantheistischen Gott. Aber ihr Interesse an der Wissenschaft vom Leben entfachte Anfang der Zwanziger auch eine große Spengler-Begeisterung und einen regen Austausch mit Max Scheler.

Zuletzt, in ihre Göttinger Holzvilla „Loufried“ zurückgezogen, las sie Ludwig Klages und Heideggers „Sein und Zeit“. Dessen Analyse der Angst mochte sie mit jener Unheimlichkeit, jenem Nichts assoziieren, das sie als Kind, hinter dem gerissenen Vorhang erblickte. An Urämie erkrankt, fiel sie in Panik-Delirien: „Ist das der Tod?… Ist ja schrecklich… Ist ja schrecklich!“ schrie sie. Das „Heroische“ verschwand, bis der Tod, als letzter Gott des Abendlandes, sie 5. Februar 1937 in seine „dunkle Gnade“ nahm.

Als Dichterin und Psychoanalytikerin ist sie weiterhin in der Diskussion, als Lebensphilosophin bleibt sie noch zu entdecken. Denn nie verstummt der Schrei, der aus jeder Zeile ihres Werkes dringt: „Eli! Eli! lama sabachthani!“

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