Deutsche Fragen

Lange nichts mehr gehört von Michael Stürmer, dem Kohl-Berater, Westbindungs-Ideologen und Chef-Atlantiker der achtziger Jahre. In der Welt hat er jetzt die Kernfrage der Währungsunion zumindest formuliert: Die Euro-Krise holt die ungelöste deutsche Frage zurück.

Aus deutscher Sicht umfaßte die „deutsche Frage“ nach dem zweiten Weltkrieg in erster Linie die Wiedervereinigung, die Rückgewinnung der territorialen Einheit und politischen Souveränität. Ersteres ist mit erheblichen Abstrichen, letzteres gar nicht erfolgt, wie uns Dr. Seltsam aus dem Bundesfinanzministerium kürzlich ohne allzu großes Bedauern mitteilte

Aber das ist es nicht, was Stürmer mit der „ungelösten deutschen Frage“ meint. Er nimmt nämlich die Perspektive der Siegermächte von 1945 ein – und da lautet die deutsche Frage: Wie stutzt man Deutschland so zurecht, daß es nicht allzu weit über die anderen europäischen Staaten hinausragt? Im Ost-West-Konflikt sei diese deutsche Frage in der Teilung aufgehoben gewesen, danach mußte eine andere Lösung her.

Vorauseilende Selbstauslieferung

Es sei „allenfalls Halbwahrheit, die gemeinsame Währung sei der Preis für die Zustimmung Frankreichs zur deutschen Einheit gewesen“, wiegelt Stürmer ab, um dann doch genau diesen Knackpunkt zu bestätigen: „Kohl und Mitterrand suchten, um deutscher Übermacht vorzubauen […], neue Regeln des Gleichgewichts und fanden sie in der gemeinsamen Währung.“ So kann man eine vorauseilende Selbstauslieferung natürlich auch umschreiben. In Frankreich sprach man es offen aus: „Maastricht, das ist der Versailler Vertrag ohne Krieg.“

Und das gilt offensichtlich nicht nur für die Währungsunion an sich, sondern für den ganzen EU-Prozeß: „Wenn man sich die europäische Integration als ein einvernehmliches System von Kriegsreparationen vorstellt, so entsprechen die Leistungen Deutschlands etwa denen, die ihm nach dem ersten Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag aufgebürdet wurden. […] Ich habe jedoch den Eindruck, daß die Deutschen mittlerweile keine Lust mehr haben, Reparationen zu zahlen.“ Nüchterner und klarer als Niall Ferguson, der in Harvard lehrende schottische Wirtschaftshistoriker, kann man es eigentlich nicht mehr sagen.

Fragt sich nur, wie die ungelöste deutsche Frage dann beantwortet werden soll, wenn dieser Fall tatsächlich eintritt oder wenn der Staatspleitegeier am Ende auch Deutschland packt und es die Tribute nicht mehr bezahlen kann. Durch eine Strafexpedition vielleicht, durch einen dritten Punischen Krieg? Meinten Kohl und die Kanzlerin etwa das, wenn sie den Euro zur Frage von „Krieg und Frieden“ erklärten? Dazu hat uns der Ex-Kanzlerberater von seinem Katheder herab leider auch nichts zu sagen.

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