Bildung im Nordosten: Abitur auf Knopfdruck

Mein Heimatbundesland Mecklenburg-Vorpommern weist weiterhin den höchsten Anteil junger Menschen ohne Schulabschluß aus. Wie die Gütersloher Bertelsmann-Stiftung jüngst berechnete, blieb jeder siebente Jugendliche ohne Hauptschulabschluß. Eine Quote von 14,1 Prozent. Im Bundesdurchschnitt verlassen 7 Prozent der Abgänger die Schulen ohne Abschluß. Allerdings liegt diese Ziffer in den neuen Ländern bei 11,2 Prozent, während sie für die alten mit 6,4 Prozent angegeben wird. Spitzenreiter ist das Land Baden-Württemberg mit nur 5,7 Prozent Ausgeschulten ohne Zertifikat.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es allerdings nominell gar keine Hauptschulen mehr. Da die Schülerzahlen sinken und Schulen zusammengelegt werden, ergriff die Kultusbürokratie die Chance zum Euphemismus, legte die zur Resteschule verkommene Hauptschule mit der Realschule zusammen und nannte das Mischwesen neutral „Regionale Schule“.

Ähnliche Wege gingen das Saarland („Erweiterte Realschule“), Thüringen („Regelschule“), Sachsen („Mittelschule“), Sachsen-Anhalt und Bremen („Sekundarschule“) und Schleswig-Holstein (auch „Regionale Schule“). Ebenso schaffte Hamburg die Haupt- und Realschulen in ihrer Eigenständigkeit ab und schuf statt dessen „Stadtteilschulen“, die als Gesamtschulen praktischerweise gleich noch zum Abitur führen. Ergebnis hier: In Hamburg drucken mittlerweile schon alle Schularten Abiturzeugnisse aus, lediglich die Förderschulen für Lernbehinderte noch nicht.

„Berufsreife“ statt Hauptschulabschluß

Daß das Unvermögen zu einem Hauptschulabschluß rein intellektuell beinah auf kognitive Defekte schließen läßt, mag als allzu harte Anmerkung verstanden werden. Aber: Es gibt in Mecklenburg nicht nur keine Hauptschule mehr, sondern nicht einmal eine echte Prüfung für diesen Zweig. Statt dessen können „Leistungsfeststellungen zum Erwerb der Berufsreife“ absolviert werden. Können!

In schülerfreundlicher Weise ist die Teilnahme daran nämlich ganz freiwillig und umfaßt nur sehr einfache Aufgabenstellungen in Deutsch und Mathematik. Verhaut jemand die schriftliche Arbeit trotzdem, kann das Ergebnis in mündlichen „Prüfungen“ aufgeputzt werden. Mehr nicht. Als Abschluß würde aber auch schon das normale Schuljahresendzeugnis voll und ganz genügen.

Unter dem Volksschulniveau der 1950er Jahre

Auf den Seiten des mecklenburgischen Kultusministeriums kann sich der „Normalgebildete“ eindrucksvoll davon überzeugen, daß man weder für den Berufsreife- respektive ehemaligen Hauptschulabschluß noch für die Mittlere Reife einem enormen Anforderungsdruck ausgesetzt ist. Die Materialien deuten nicht gerade darauf hin, daß sie in einer der mächtigsten Industrienationen der Welt erarbeitet wurden. Außerdem darf man wohl davon ausgehen, daß das in den Fünfzigern und früher so gut wie jeder geschafft hätte, der nur durch die zu Unrecht geschmähte Volksschule gegangen war. Ganz zu schweigen vom verlorenen Anspruch an die Allgemeinbildung.

Aber dennoch wird ein so simpler, vergleichsweise primitiver Abschluß, der nicht mal obligatorische Prüfungsteilnahme voraussetzt, von 14 Prozent nicht bewältigt. Das zeigt, daß die Deklassierungstendenzen im Osten und insbesondere im Nordosten besonders hoch sind, mithin in den Regionen, die seit der Wende trotz aller Investitionen in die Infrastruktur den Anschluß an Progressionszentren zu verlieren drohen. Ohne signifikantes Migrationsproblem.

Inflationäre Bestbenotung

Ferner wird klar, weshalb sich alle Eltern, die noch grundsätzlich auf Niveau setzen, gezwungen sehen, ihre Kinder am Gymnasium anmelden, wo schon zirka 50 Prozent beschult werden, was dort jedoch dazu führt, daß die Anforderungen im Abitur sinken und die Benotung inflationärer erfolgen muß. Alles eingebettet in ein System, das Schnitte hochrechnet und allerlei Optionen zur Abwahl von Fächern und Nichteinbeziehung von Teilnoten offenhält. Die Zahlenmystik dieser Rechnungen überblicken meist nur Direktoren und Schulräte.

Vergegenwärtigt man sich die minimalen Anforderungen, so kann die hohe Quote jener, die selbst unter diesen Bedingungen nicht zum Abschluß kommen, doch nur an Haltung und Disziplin liegen. Wird einem der Abschluß schon nachgeworfen, muß man doch immer noch erscheinen und willens sein, die Schulzeit mindestens physisch durchzustehen. Ist das allzu vielen nicht möglich, kann das als eindrucksvoller Indikator für den Zustand der Bildungsrepublik gelten, solange das Abitur noch nicht per Dekret jedem ausgestellt wird.

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