Was ist das Abendland? – Teil 1

Die Schweizer in Ehren, aber das Abendland werden sie, auch wenn das Minarett-Verbot die juristischen Hürden passieren sollte, nicht retten – allein schon deshalb, weil niemand wirklich weiß, was das Abendland ist.

Die „jüdisch-christliche Kultur“ kann es ja schon deshalb nicht sein, weil diese, wie mittlerweile auch der Islam, überall verbreitet ist und mit letzterem, über die Ursprungsregion hinaus, so viele Gemeinsamkeiten aufweist, daß die weltanschaulichen oder habituellen Abweichungen eher sekundär erscheinen.

Und auch die „demokratischen Ideale“, „Menschenrechte“ usw. haben eine universal verstandene Geltung, die sich von ihrer historischen Genese längst abgekoppelt hat. Wie weit man auch zurückgeht, die Grenzen waren immer fließend, das Andere auch im Eigenen – die heidnischen Sachsen und Wenden mitten im Europa Karls des Großen – und das Eigene im Anderen, etwa die christliche Kirche im Orient.

Am Anfang standen ohnehin zufällige Grenzziehungen, die Verwaltungsreformen Diokletians, der der räumlichen Überdehnung des Römischen Reiches sowie der meist mit Gewalt gelösten Frage der Thronfolge durch Einführung eines „Subsidiaritätsprinzips“ entgegenwirken wollte: Nach seinem System der Tetrarchie teilten sich zwei „Augusti“ die Herrschaft und wurden dabei jeweils von einem „Caesar“ als designiertem Nachfolger unterstützt; Diokletian selbst regierte den Okzident, in den sich längst das Schwergewicht des Reiches verlagert hatte, mußte aber nach seiner Abdankung am 1. Mai 305 den weiteren politischen Verfall des Imperiums mit ansehen.

Der Abendländer kommt ungern mit dem Boden in Berührung

Das lateinische Abendland und der griechisch-hellenistisch geprägte Osten entwickelten sich immer weiter auseinander, und die politische Abtrennung des Westens durch die germanischen Reiche der Völkerwanderungszeit, deren Könige sich gleichwohl noch lange als Vasallen des Kaisers in Konstantinopel ansahen, wurde schließlich durch das religiöse Schisma zwischen Katholizismus und Orthodoxie besiegelt, dem jedoch keineswegs unüberwindliche Differenzen zugrundelagen.

Gibt es also wirklich keine eindeutigen Unterschiede zwischen dem europäisch-abendländischen Menschen und dem Rest der Welt? Doch, es gibt sie:

Erstens: Der Europäer mag keine Insekten. Überall auf der Welt werden diese verspeist, aber wenn der Europäer, wie vor einiger Zeit Franz Müntefering, etwa Heuschrecken ißt (die Symboltiere seiner kapitalistischen Lieblingsfeinde), dann handelt es sich dabei lediglich um ein Medienspektakel.

Da sich viele Insekten meist in Bodennähe aufhalten, könnte diese Abneigung noch auf eine zweite europäische Eigenart verweisen, denn der Abendländer kommt ungern mit dem Boden in Berührung. Während sich Nichteuropäer in ihren Jurten, Wigwams oder Bambushütten zwanglos auf die Erde oder allenfalls auf Kissen, Felle, Teppiche und niedrige Bänke oder Hocker setzen, hat der Europäer den Stuhl erfunden bzw. dieses hochbeinige, ursprünglich nur Königen und Fürsten vorbehaltene Sitzmöbel „demokratisiert“.

Mangelnde Nähe von Affen

Seit dem 16. Jahrhundert eroberte der Stuhl das bürgerliche Interieur und schützte den modernen Europäer davor, sich zu tief auf den Boden zu setzen. Eigentlich steht der abendländische Mensch geradezu auf seinen hölzernen Ersatzbeinen unter dem Gesäß, wenn er sitzt. Und drittens ist Europa, von der etwas groß geratenen Insel Australien abgesehen, der einzige Kontinent, auf dem der Mensch von Natur aus nicht in der Nachbarschaft des Affen lebt; der kleine Affenfelsen bei Gibraltar darf getrost vernachlässigt werden.

Verhinderte „Bodenhaftung“, Verachtung von Krabbeltieren, die als „eklig“ gelten, und mangelnde Nähe von Affen, die doch, so „knapp daneben“ (oder „beinahe getroffen“?) sie uns erscheinen, eine überzeugende animalische Karikatur des Menschen darstellen – sind diese drei Punkte wirklich die Hauptmerkmale „abendländischen Menschentums“?

Nächste Woche werden wir unsere Forschungen fortsetzen.

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