Tod und Philosophie

„Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ – so lautete die Botschaft in einem Al-Qaida-Video nach dem islamistischen Terroranschlag in Madrid vor einigen Jahren. Ja wenn es denn wenigstens mal so wäre, daß der Westen das Leben liebt! Die jährlichen Abtreibungs-Zahlen erzeugen da bei mir eher einen anderen Eindruck.

In Wirklichkeit hat der Westen dieser islamistischen Überzeugung wohl nur die „multikulturelle Demokratie“ und den „Kampf gegen Rechts“ entgegenzusetzen. Ein bißchen zu wenig, wie ich meine. Meine örtliche evangelische Pfarrerin schaute ganz schön verdutzt, als ich ihr mal erklärte, daß ich mir schon des öfteren meine Gedanken über den Tod gemacht habe. Dabei liegt es doch auf der Hand, daß man ewig leben will. 

Ich habe es nie jemandem abgekauft, wenn er gesagt hat, er glaube nicht an ein „Danach“ und das sei ihm im übrigen auch völlig schnuppe, denn das irdische Leben biete schon genug Sinn. Meiner Meinung nach wirkt hier eher ein Verdrängungs-Mechanismus, der aber auch nur verständlich und natürlich ist. 

Hochmut der Radikal-Atheisten

Letztlich glaube ich aber trotz allem an ein „halbvolles Glas“. Mag sein, daß die religiösen Theorien überwiegend unplausibel klingen. Aber daß all das vielfältige Leben auf der Erde, das ja allen Entfremdungsversuchen zum Trotz immer noch auf faszinierende Weise „funktioniert“ und einfach insgesamt ästhetisch auf mich wirkt, eine reine Laune des Zufalls und völlig ohne Sinn sein soll, das erscheint mir erst recht absurd. Und die Wissenschaft kann im Dreieck springen, sie ändert letztlich nichts daran, daß sie ganz entscheidende Rätsel des Daseins nicht lösen kann, beispielsweise: wie soll denn das ganze All aus dem Nichts entstanden sein? Und wie hat man sich einen unendlich großen Kosmos vorzustellen? Wenn er aber nicht unendlich ist – was ist dann außerhalb des Kosmos? 

Gerade wegen der Sterblichkeit aller Lebewesen habe ich den allgemeinen Hochmut der Radikal-Atheisten über die Religionen nie verstanden. Selbst wenn es so sein sollte, daß religiöse Erklärungsansätze allesamt quatsch sind: na und? Wenn es den Gläubigen hilft, was soll dagegen einzuwenden sein? Besser als braune, rote oder grüne Ersatzreligionen ist es allemal. 

„Warum macht der Tod konservativ?“, fragte die JUNGE FREIHEIT vor einigen Wochen. Ich glaube nicht, daß er konservativ macht, aber auf jeden Fall führt ein starkes Todes-Bewußtsein sicherlich dazu, daß man den Blick für das Wesentliche des Lebens gewinnt. Wahrscheinlich gibt es kaum einen besseren Indikator für die Sensibilität (und Intelligenz?) eines Menschen, als das Ausmaß, in dem seine Gedanken um den Tod kreisen: „Philosophieren heißt sterben lernen“ (Michel de Montaigne).

„Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück“ 

Diesen Satz hat Helmut Kohl übrigens in seinen Memoiren zitiert. Auch wenn ich wahrlich kein Kohl-Verherrlicher bin: Ein solches Zitat in den Biographien der heutigen Politikroboter wäre völlig undenkbar. Für die heutige politische Klasse gilt nämlich: „Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück“ (Gottfried Benn). Es gibt keine Philosophie ohne die Frage nach dem Tod. 

Einiges spricht ja dafür, daß der Zustand nach dem Tode genau dem Zustand vor dem Leben entspricht. Und das kann ja so schlimm nicht gewesen sein. Denn sonst hätten wir das Milliarden Jahre währende Herumgammeln als nicht existierendes Etwas wohl nicht so gut überstanden.

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