Thierse nun wieder!

Auch nach dem Kompromißvorschlag von Erika Steinbach bleibt Guido Westerwelle der Hanswurst, der sich an der Rolle des Staatsmannes verhebt. Claudia Roth erweist sich als verläßlich dämlich, indem sie über „Geisel“ und „Lösegeld“ schwadroniert.

Den Gipfel aber erklimmt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse: „Die Forderungen von Frau Steinbach sind der erpresserische Versuch, das Anliegen der Stiftung in ihrem Sinne zu verändern.“ Sinn des Projektes sei das Gedenken an die Leiden und Opfer von Flucht und Vertreibungen und die Versöhnung mit den osteuropäischen Nachbarn.

Dieses Anliegen würde zerstört, wenn sich Union und FDP auf Steinbachs Bedingungen einließen. „Politisch sinnvoll ist die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung nur als Versöhnungsprojekt.“ Thierse forderte Angela Merkel auf, „dieses Versöhnungsanliegen aktiv gegen Frau Steinbach zu verteidigen, gerade auch im Verhältnis zu unseren polnischen Nachbarn“.

Mangel an Fairneß und Ritterlichkeit

In wenigen Sätzen ist der komplette Thierse versammelt, der historische und politische Fakten und Zusammenhänge verkennt und sie im moralisierenden Wortschaum auflöst. Und dann der Alarmismus. Aktive Verteidigung? Meine Güte, haben etwa Steinbachs Sturmtruppen das Regierungsviertel umstellt? Es fehlt nur noch, daß sich Thierse, das Hemd vor der Brust aufreißend, zum Bekenntnis emporschwingt: Ich bin nicht gegen das SED-Regime auf die Barrikaden gestiegen, damit Frau Steinbach einen Angriff auf Polen befiehlt!

Die Wahrheit ist: Die BdV-Präsidentin, auf die einzudreschen Thierse bereits seit Jahren für anständig hält, agiert als Einzelkämpferin. In der Politik hat sie wenige, in den Medien so gut wie keine Unterstützer. Woher also der Mangel an Fairneß, Ritterlichkeit und Augenmaß bei diesem Mann, der sich so gern in die Tradition der DDR-Bürgerrechtler stellt?

Es ist festzuhalten, daß die bekannten Bürgerrechtler seit 1990 kaum einmal etwas vorgebracht haben gegen die vormundschaftlichen Tendenzen, Gesinnungsschnüffeleien und Geschichtstabuisierungen, die im vereinten Deutschland um sich greifen. Das muß man verstehen. Wer jahrzehntelange Stasi-Observation, Berufsverbote und Zersetzungsmaßnahmen hinter sich hat, der ist irgendwann müde und zermürbt.

Der will, nachdem der alte Drache besiegt ist, seine Ruhe und mit den nachwachsenden Köpfen der Hydra nichts mehr zu tun haben. Der will sich nicht noch einmal gegen offizielle Strukturen stellen, der ist froh, wenn er im Beackern des Stasi-Feldes sein Auskommen findet. Ausnahmen wie Freya Klier, die die Deportation deutscher Frauen in die Sowjetunion thematisierte, bestätigen diese Regel.

Ohne moralische Reputation des Widerständlers

Bei Thierse liegen die Dinge jedoch noch etwas anders. Er war kein Bürgerrechtler, sondern arbeitete nach seinem Studium im Kulturministerium. Nach seiner Weigerung, eine Zustimmungserklärung zur Ausbürgerung Wolf Biermanns zu unterzeichnen, wurde er 1977 entlassen, kam aber bei der Akademie der Wissenschaften unter.

Das ergibt eine absolut ehrenhafte DDR-Biographie! Allerdings gelang es ihm nicht, sich als Wissenschaftler einen Namen zu machen. So besaß er 1989 weder die moralische Reputation des Widerständlers noch die des anerkannten Intellektuellen – im Unterschied zu Jens Reich oder seinem Parteifreund Richard Schröder, die sich aus der Politik bald wieder in die Wissenschaft zurückzogen.

Thierse dagegen wurde Berufspolitiker, was auch sonst? Wenn nicht alles täuscht, sähe er sich gern in der Nachfolge Carlo Schmids (1896-1979), des Staatsrechtlers, Kulturmenschen, Georgianers und SPD-Politikers, dessen bildungsgesättigte Reden auch dem politischen Gegner Respekt abnötigten.

Steinbach ist die eigentliche Bürgerrechtlerin

Doch zum Schmid-Wiedergänger reicht sein Potential einfach nicht aus. Also nimmt er Anleihen beim moralisierenden Pathos der Bürgerrechtler, das er anpaßt an den west-linken Meinungsstrom, um sich selber zu beglaubigen. Nun wagt er auch den öffentlichen Bekennermut gegen den Staat, wo dieser, wie er meint, sich als inhumaner Leviathan aufführt.

Als dessen furchtbarer Vertreter erschien ihm der ehemalige brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm, der ihm in seinen Memoiren „Wilde Schwermut“ (Landtverlag 2009) unter der Überschrift „Thierse nun wieder!“ gleich ein ganzes Kapitel gewidmet hat. Schönbohm legt spürbar genervt da, wie Thierse „ohne eigene Sachkunde“ und unfähig, vom Staatsganzen her zu denken, in komplizierte asylpolitische Entscheidungen einzugreifen versuchte. In den Medien fand er damit „natürlich breiten Widerhall“. So bleibt der aktive Widerstand risikolos, macht Spaß, nutzt der Karriere und hilft über Komplexe und Defizite hinweg.

Verglichen mit dem Bundestagsvizepräsidenten, kann Frau Steinbach als die eigentliche Bürgerrechtlerin und Widerständlerin gelten. Kann es sein, daß Thierse auf sie neidisch ist und sie klammheimlich – haßt?

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