Superwahljahr

 

Sprachfasten mit Bruder Barnabas

Margot Käßmann hat sich vorgenommen, etwas weniger zu trinken und auch mal das Auto stehen zu lassen. Die FDP speckt in den Umfragen einige Prozentpunkte ab. Sogar Griechenland will weniger Milliarden ausgeben. – Und wie verbringen Sie die Fastenzeit?

Falls Sie noch nicht so recht wissen, wie Sie die restlichen Tage bis Ostern sinnvoll nutzen können, empfehle ich Ihnen das Sprachfasten. Damit meine ich nicht die mohammedanische Ausprägung, bei der – wie ich gerade lese – „der Fastende kein Wort spricht und sich, falls nötig, durch Gesten und Handzeichen bemerkbar macht“. Warum müssen die Muselmänner so übertreiben? Obwohl, eigentlich sagten ja schon die Römer, „si tacuisses, philosophus mansisses“ – möglicherweise gilt das ja auch für die eine oder andere meiner Kolumnen. Wenn du geschwiegen hättest …

Das Bewußtsein schärfen

Nein, ich meine statt dessen das deutsche, christlich-abendländische Sprachfasten. So können Sie das Bewußtsein für die Feinheiten der Sprache wieder etwas schärfen. Vor fünf Jahren rief die Sprachwelt die Aktion „40 Tage quasselfrei“ ins Leben. Der Widerhall war fett. Offenbar besteht ein großes Bedürfnis nach weniger Fast-Food-Sprache, oder mit Goethe gesagt: „Am jüngsten Tag, wenn die Posaunen schallen / Und alles aus ist mit dem Erdeleben, / Sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben / Von jedem Wort, das unnütz uns entfallen.“

Nach wie vor gilt: „Viele Menschen unterlassen in der Fastenzeit liebgewonnene Gewohnheiten, um ihren Geist durch bewußte Enthaltsamkeit zu stärken und das Leben wieder tiefer zu spüren. Die einen halten sich beim Essen zurück, die anderen verzichten auf Alkohol oder auf das Fernsehen. Auch der bewußte Verzicht auf eine aufgeblasene Sprache und das bewußte Wahrnehmen des anderen können diese positiven Wirkungen haben.“

Verzicht auf Fremdwortvöllerei

Peter Ramsauer und die Deutsche Bahn machen es vor. Sie wollen über die Fastenzeit hinaus auf Fremdwortvöllerei verzichten und Sprachblähungen vermeiden. Etwas weniger Fremdwörter, etwas weniger Superlative bedeuten etwas mehr Ehrlichkeit und etwas mehr Verständlichkeit. Vergegenwärtigen Sie sich zum Beispiel den Unterschied zwischen hassen und nicht mögen, zwischen mögen und lieben.

Den Fastenprediger Bruder Barnabas, verkörpert von Michael Lerchenberg, heiße ich in den Reihen der Sprachfastenden willkommen. Der KZ-Vergleich auf dem Nockherberg war freilich ein Mißgriff. Daß Lerchenberg deswegen gleich ganz den Mund halten muß, gehört zu den bundesrepublikanischen Merkwürdigkeiten: „Ein Narr, wenn er schwiege, wurde auch für weise gerechnet, und für verständig, wenn er das Maul hielte.“ So hat uns Martin Luther Sprüche 17, Vers 28 ins Deutsche übertragen.

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