Neue Grenzen überschreiten

Rekapituliert man die Filmproduktion der 70er Jahre, findet man eine Kettenreaktion an (emotionaler) Grenzüberschreitung: Ekstasen der Gewalt („Clockwork Orange”, 1970, „Die 120 Tage von Sodom”, 1975), der Erotik („Im Reich der Sinne”, 1975), sowie des gefühlsbereinigten Sexus („Der letzte Tango von Paris”, 1972), um nur einige zu nennen. Deren emotionale Temperatur ist in zeitgenössischer Filmproduktion weder erreicht, noch übertroffen worden. Vereinzelte Nachfolger wie Lars von Triers „Antichrist” (2009) oder Caspar Noes „Irreversible” (2000) und „Enter the Void” (2010) landen direkt im Programmkino.

Das jugendliche Großpublikum begeistert sich für Filme wie die „New Moon”-Trilogie, wo Vampire und Werwölfe sich um den Preis für Harmlosigkeit streiten. Der homöopathische Niveau an Empfindungsausdruck spiegelt sich auch in der Musik: Am vergangenen Wochenende präsentierte MTV die „greatest Hits” zu den Themen „Liebe”, „Liebeskummer”, „Kinder kriegen” und „Geld verdienen”. Beim Thema „Liebeskummer” galt ?Sinéad O’Connors flauschig-weiche Coverversion des Prince-Songs „Nothing Compares 2 U” als das höchste der Gefühle. Eine Zuhörerin erzählte, wie sehr der Song sie mitreiße… Hier hat man Grenzzäune mit Sorgfalt restauriert.

Die Liebesgeschichte der Natur mit Leben erfüllen

Konträr dazu fragt der aktuelle Science-fiction-Film von Vinzenco Natali („Cube”), „Splice” nach künftiger Übertretung. In dieser Frankenstein-Variante erschafft das Forscherpaar Elsa und Clive ein künstliches Wesen, einen Genpool aus menschlichen und animalischen Erbanlagen. Natürlich mit besten Absichten: Der geldgebende Pharmakonzern hofft auf neue Medikamente und Elsa (Sarah Polley) erklärt, sie wolle „die Liebesgeschichte der Natur mit Leben erfüllen.” Nur, „in der Natur” gibt es keine Liebesgeschichte(n). Sie, Elsa, selbst weiß das am besten, schließlich wurde sie als Kind mißbraucht.

Aufgrund dieses Traumas selbst kinderlos, kreiert sie, gegen den Widerstand ihres Partners Clive (Adrien Brody) jenes synthetische Geschöpf, Dren genannt, das rasend schnell zur jungen Frau (Delphine Chanéac) heranwächst. So schnell, das nach wenigen Wochen ein ödipales Dreieck entsteht. Dren begehrt Clive, verführt ihn. Elsa bricht zusammen. Für sie ist diese Verbindung purer Inzest, eine Wiederholung des Kindheitstraumas. Clive hingegen verteidigt sich mit den Hinweis, nicht der leibliche Vater von Dren zu sein. Dann, noch deutlicher: Wenn neue Lebensformen kommen, gelten dann nicht auch andere Regeln? Welche ethische Verpflichtung hat er gegenüber dem Hybriden? Was spürt diese neue Lebensform, was schädigt sie?

Die Menschenseele ist ein buntscheckiges Tier

War in H.G. Welles Roman „The Island of Dr. Moreau” (Die Insel des Dr. Moreau, 1896) der Schöpfer und Nutznießer von Tiermenschen noch eindeutig der „Böse”, herrscht in „Splice” nur Zwiespalt und Ratlosigkeit. Regisseur Natali ahnt, daß die Wissenschaft, und mit ihr die Menschheit, auf ungeahnte Grenzüberschreitungen zugeht, ohne seelisch-ethische Bereitschaft. Im Gegenteil, Clive und Elsa verdrängen ihre Ängste, ihr brutal-animalisches Potential, den Haß auf die eigene, zerstörte Kindheit.

Die Menschenseele ist laut Plato ein buntscheckiges Tier mit vielen Köpfen. Elsa und Clive materialisieren das eigene Seelen-Tier in der Erschaffung des Mensch-Tier-Hybriden. In ihr, in Dren, hassen sie das eigene animalische Erbe, in ihr versuchen sie, es zu töten. Mag die technische Realisation noch Zukunftsmusik sein, aber das Wissen um künftige Machbarkeit, erschüttert bereits die Gegenwart: Oder ist es Zufall, daß im Zeitalter genetischer „Fortschritte” ganzen Menschheitsgruppen (wieder) die die Kündigung gesellschaftlicher Solidarität droht?

Mißbrauch der Genetik könnte zur Tragödie führen

Der Mensch ist ein „Tier”, das seinen Artgenossen für den geringsten Vorteil ans Messer liefert, und dafür alle greifbaren Argumente ge- bzw. mißbraucht. Die Genetik wird ihm neue „Gründe” und „Argumente” liefern. Seit gut 200 Jahren ist das metaphysische Fundament abendländischer Ethik destruiert. Bald könnten auch die zu Schützenden, die Lebewesen selbst, sich in schwer definierbaren „Grauzonen” bewegen – so fremd, das die Solidarität mit ihnen gegen Null läuft.

Da die Forschung aber nicht zu stoppen ist, läßt sich dieser Prozeß nur als Tragödie erzählen. „Splice”, jetzt auf DVD erschienen, ist eine solche antike Tragödie im Science-fiction-Gewand. Gegen die darin gezeigten Grenzüberschreitungen sind die der 70er ff-Streifen harmlose Kinderunterhaltung.

Ahriman Verlag
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