Laschets Leitkultur

Der Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (CDU), wird in diesen Tagen mit Sätzen zitiert, in denen er ein besonderes Verhältnis von Kindern mit Migrationshintergrund zum Holocaust fordert: „Die Kinder sind qua Geburt deutsche Staatsbürger und man muß ihnen klar machen: Das ist was anderes, als wenn du Franzose oder Brite bist. (…) Das ist natürlich einem Kind, dessen Eltern sagen, ‚Was haben wir damit zu tun? Wir sind 1961 eingewandert!‘, schwerer zu vermitteln. Ich verlange es ihnen trotzdem ab.“ Wenn sie Deutsche sein wollen, gehört dies laut Laschet zur „gemeinsamen Leitkultur“.

Einerseits ist dies konsequent. Wenn die begrenzte Anzahl der tatsächlich für den Holocaust verantwortlichen Staatsbürger des Deutschen Reichs für unbegrenzte Zeit dafür gesorgt hat, alle Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland in die historische Verantwortung zu übernehmen – und so sieht es ja die bundesdeutsche Elite – dann muß dies eigentlich auch für Zuwanderer und deren Kinder gelten, soweit sie Staatsbürger dieses Staates sind. Alles andere wäre kaum zu begründen, auch wenn die Verbindung des Begriffs Holocaust mit dem Wort Leitkultur offenkundig fragwürdig ist.

Zudem kommt hier eine wenig beachtete Kehrseite der gegenwärtigen Holocaust-Gedenkpolitik zum Ausdruck. Sie bindet das deutsch-jüdische Verhältnis permanent an eine vergangene Situation tödlicher Bedrohung und behindert damit jede Form normalen jüdischen Lebens in Deutschland. Was für einen Platz sollen zum Beispiel aus Rußland zugewanderte bundesdeutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens im Koordinatensystem von Laschet einnehmen, von denen es ja mittlerweile eine beachtliche Zahl gibt?

Für keine Seite eine verlockende Perspektive

In die Pflicht des Täter-Staatsbürgerbewußtseins wird er sie nicht im Ernst nehmen wollen. Was sollen sie dann aber in der Konsequenz sein, wenn nicht potentielle Opfer, mindestens irgendwie „anders“ als alle anderen Bundesdeutschen und damit nicht Teil von dem, was Laschet unter „Leitkultur“ versteht? Wie ist das, wenn sie dann in der Schulkasse neben anderen Einwanderern aus Rußland sitzen, denen das Täter-Staatsbürgerbewußtsein abverlangt wird?

Das ist jedenfalls für keine Seite eine verlockende Perspektive. Man könnte dem Vorhaben sogar einen latenten Antisemitismus unterstellen, aber man soll ja nie Absicht vermuten, wo Gedankenlosigkeit eine ausreichende Erklärung sein könnte. Bei aller Notwendigkeit der Erinnerung kann permanentes Holocaust-Bewußtsein kein Kern einer die Bundesrepublikaner definierenden Leitkultur sein.

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