Konservative sind doof!

So ungefähr betitelte Spiegel-Online vor einigen Tagen voller Freude einen Artikel über eine Studie des Psychologen Satoshi Kanazawa. Da der Autor des linksliberalen Qualitätsmediums sich selbstverständlich nicht zu den tumben Massenprodukten der Evolution zählt, kann er diese Weisheit sogar noch feiner formulieren – „Konservative haben geringeren IQ“ – und wählt zur Illustration ein Foto von Horst Seehofer mit Bierhumpen im Gesicht.

Da kann man ja eigentlich nur zustimmen und bräuchte diese Untersuchung gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, hätten es nicht doch womöglich einige Konservative bis in die London School of Economics and Political Science und sogar in die Redaktionsstuben des Spiegel geschafft. Die dummen Konservativen sind eben überall und wissen beispielsweise mit Statistiken nicht recht umzugehen.

Doch jetzt der Reihe nach und für Konservative – früher hätte man gesagt: für Blondinen – zum Mitschreiben: Kanazawa hat eine Befragung von 14.000 amerikanischen Jugendlichen aus den Jahren 2001 und 2002 ausgewertet und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß diejenigen, die sich als „sehr konservativ“ bezeichnen, einen niedrigeren Intelligenzquotienten hätten als ihre Altersgenossen, die sich für „liberal“ halten.

Seit wann ist Seehofer eigentlich konservativ?

Bei der Gretchenfrage nach der Religion ergibt sich dasselbe Bild: Die „sehr religiösen“ seien dümmer, die „Nichtreligiösen“ klüger. Intelligente Menschen können nämlich, wie diese Daten angeblich belegen, neue Ideen und Entwicklungen besser verarbeiten und tendieren daher zu fortschrittlichen Positionen, während die eher Minderbemittelten stupide am Vorgegebenen und Überlieferten festhalten müssen. Wie selbstverständlich fügt der Spiegel-Autor hinzu, daß der amerikanischen Selbstzuschreibung „liberal“ in Deutschland eine linke Position entspreche.

Aber da fängt es schon an: Was heißt „liberal“, „links“ oder „konservativ“ überhaupt? Seit wann ist der CSU-Obersozialdemokrat Seehofer eigentlich konservativ? Und kann es sein, daß eine autoritätsgläubige, traditionshörige „religiöse“ Haltung heute gerade auch aus dem blinden Glauben an vorgegebene und keinerlei Interpretation unterzogene Statistiken sprechen kann?

Wenn die Studie etwas belegt, dann die Beschränktheit dieses Mix aus positivistischer Psychologie und vulgärdarwinistischen Stereotypen, der kontextabhängige, sich wandelnde Selbstzuschreibungen eins zu eins (und mit durchsichtigen Motiven) in gesellschafts- oder gar parteipolitische Raster überträgt.

Schwammiger Begriff der Intelligenz

Welche „Selektionsvorteile“ bringt es heute jemandem, sich politische Informationen kritisch und halbwegs selbstbestimmt aus dem Internet zusammenzusuchen, anstatt konservativ auf „bewährte Leitmedien“ wie den Spiegel zu vertrauen? Wer ist heute konservativer: der gesellschaftliche Underdog, der sich den Eigensinn erlaubt, seine Kinder selber erziehen zu wollen, und allerlei Nachteile in Kauf nimmt, weil er es wagt, die Vorgaben zu Migration, „Gender Mainstreaming“, deutscher Alleinschuld an den Kriegen mindestens des zwanzigsten Jahrhunderts und ähnliche „allgemein akzeptierte“ Positionen zu hinterfragen, oder derjenige, der sich unter den herrschenden Bedingungen ganz gut einzurichten vermag? Oder anders gesagt: Derjenige, der sich als konservativ bezeichnet, oder der, der sich konservativ verhält?

Ähnlich schwammig ist, trotz aller Test- und Meßbarkeitshuberei, auch der Begriff der Intelligenz. Wer nur intelligent ist, kann nämlich auch ganz schön dämlich sein. Klüger ist, wer sich gelegentlich fragt, wie und nach welchen Maßstäben Intelligenztests entwickelt werden. Es ist zwar kaum zu bestreiten, daß Intelligenz im wesentlichen genetisch bedingt ist, aber auch solche statistischen Korrelationen beruhen auf der – nicht genetisch, sondern politisch-gesellschaftlich zu erklärenden – Entscheidung, welche Arten von Leistungsfähigkeit als intelligent bezeichnet werden: nur oder in erster Linie logisch-mathematische oder ebenso auch sprachlich-kommunikative Kompetenzen oder sogar das, was man als „emotionale Intelligenz“ bezeichnet?

Hat man eine solche „weiche“ Kategorie vielleicht extra eingeführt, um auch diejenigen am Intelligenzfetischismus „gleichberechtigt“ teilhaben zu lassen, die bei den „harten“ Fragen etwa nach der richtigen Zahlenfolge schlechter abschneiden?

Wer intelligenter ist, wird sich auch solche Fragen stellen, aber er wird sie mit Intelligenz alleine nicht beantworten.

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