Heilige Zelle – lebensunwerter Embryo

Frau Merkel hat „einfach Sorge, daß wir die Grenzen nicht richtig definieren.“ Was als gewohnt schwammige, tantige Menschelei daherkam, sollte als Beitrag zur Diskussion der CDU auf ihrem Parteitag über die Präimplantationsdiagnostik (PID) verstanden werden.

Mit knapper Mehrheit haben die Delegierten schließlich dem Votum ihrer Vorsitzenden zugestimmt und sich für die Beibehaltung des PID-Verbots, von dem der Bundesgerichtshof im Juli 2010 abgerückt ist, ausgesprochen – gleichwohl wäre es verfehlt, darin eine Besinnung der CDU auf christliche Werte und konservative Positionen erkennen zu wollen. 

Nein zur Präimplantationsdiagnostik, Ja zur Abtreibung 

Ganz im Gegenteil, es handelt sich um eine weitere Anpassung an den mittlerweile von den Grünen vorgegebenen Mainstream: Nein zur PID und Ja zur Abtreibung. Selbstverständlich ist in keiner Weise einzusehen, warum gegen die Forschung an embryonalen Zellen wenige Tage nach einer künstlichen Befruchtung zum Zweck der Diagnose von Erbkrankheiten, sowie zur Aussortierung belasteter Zellen, schwere ethische Bedenken zu erheben sind, während gleichzeitig die Abtreibung kranker Kinder bis unmittelbar vor dem Geburtstermin – und gesunder bis zum dritten Monat – nicht nur straffrei bleibt, sondern als zivilisatorischer Fortschritt gefeiert wird.

Scheinheilige Kritik an Selektion von Embryonen

Die „Sorge“ ist scheinheilig und verlogen wie üblich. Auf der PID lastet in den Augen ihrer Kritiker natürlich wieder Hitlers dunkler Schatten – schließlich selektiert und vernichtet man „lebensunwertes Leben“ mit Hilfe von Techniken, über die die Nationalsozialisten sicher gerne verfügt hätten, während man zugleich Menschen nach bestimmten erwünschten Kriterien „züchtet“ –; der „Schwangerschaftsabbruch“ hingegen dient angeblich der Emanzipation der Frau und war außerdem, was anscheinend auch für ihn spricht, im Dritten Reich seit 1943 bei Todesstrafe verboten, blieb aber straffrei, sofern er die Fortpflanzung „minderwertiger Volksgruppen“ verhindern sollte.

Ohne ideologische Widersprüche würde man sich entscheiden und entweder vom Prinzip der Selbstbestimmung des Menschen ausgehen (das dann auf die bewußte, gesunde und voll entwickelte Personalität beschränkt bleibt) oder das menschliche Leben ab der Zeugung als heilig und unverfügbar ansehen, da sich keine eindeutige Grenze zwischen Entwicklungsstufen und Bewußtseinsgraden ziehen läßt. 

Leben entsteht nur aus Lebendigem

Leben geht immer aus Leben hervor; es mag sich in höheren oder niederen, komplexen und weniger komplexen Formen organisieren und sich in keimhaft-potentieller oder entfalteter, ausgebildeter Weise präsentieren, aber es bleibt immer an den Lebensstrom angeschlossen, der sich im Unendlichen verliert.

Die Erklärung, daß Lebendiges sich aus unbelebten Bestandteilen zusammensetze beziehungsweise aus diesen entstanden sei, ist so mißverständlich wie die, daß ein Gemälde aus Farben besteht: Sicher besteht es aus Farben, und doch bildet nicht jede Ansammlung von Farben ein Gemälde, ebensowenig wie ein Gemisch aus Wasser und Aminosäuren bereits lebendig ist.

Für das Bewußtsein gilt ähnliches: Zwar gibt es auch hier Grade und Übergänge, aber doch niemals eine Entstehung aus dem schlechthin Unbewußten, sondern vielmehr ein beständiges „Pulsieren“ zwischen „Entfaltung“ und „Zusammenziehung“. Und auch das Bewußtsein eines eigenen Selbst kann nicht aus einer Reflexion hervorgehen, der nicht bereits ein präreflexives Wissen zugrundeliegt. Wer sich mit sich selbst identifiziert, muß immer schon von der Einheit beider – des reflektierenden und des reflektierten Selbst – ausgegangen sein.

Dies alles mag abstrakt klingen, aber es macht doch einsichtig, daß Personalität nicht von ihren Vollzugsmöglichkeiten abhängt und auch nicht mit der zufällig an einem bestimmten Tage stattfindenden Geburt beginnt. Wer die jährliche hunderttausendfache Tötung ungeborener Kinder duldet, kann unmöglich aus ethischen Gründen für das PID-Verbot eintreten; daher sind sogar diejenigen Unionspolitiker konsequenter, die – wie Familienministerin Kristina Schröder und der frühere CDU-Generalsekretär Peter Hintze – argumentieren, daß eine an der embryonalen Zelle gestellte Diagnose einen späteren Schwangerschaftsabbruch verhindern könnte.

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