Gruselkino mit Carl Schmitt

Es scheint, als fehle der Gegenwart ein Ausdrucksmittel für ihr Unbehagen. Deshalb werden seit über einem halben Jahrzehnt Horrorfilme der Vergangenheit reihenweise neu verfilmt: „Dawn of the Dead“, „King Kong“, „The Texas Chainsaw Massacre“, „The Last House on the Left“, „Friday the 13th“, „The Wolfman“, „Isle of the Dead“ (Titel des Remakes: „Shutter Island“), „Nightmare on Elm Street“ und „The Crazies“. Auch von „Dracula“ und „Frankenstein” sind Neuauflagen in Planung.

Ganz zu schweigen von Fortsetzungen, Varianten oder vampirischen Pubertätsmelodramen wie „Twilight“ und „New Moon“. Selbst wo man neue Monsterkreationen auf die Menschheit losläßt – in „Saw“ oder „The Ring“ –, bleibt die Handlungsstruktur im wesentlichen unverändert. Ihre Funktion aber läßt sich perfekt anhand von Leben und Werk Carl Schmitts erläutern.

Wer die frühen Tagebücher (1912-15) des Staatstheoretikers liest, bemerkt vor allem die Zerrissenheit des Autors. Widersprüche stehen unvermittelt nebeneinander, ein Charakter von hochmoderner Komplexität offenbart sich da. Solche Zersplitterung versetzt die Psyche in einen permanenten Ausnahmezustand. Sie wird zum Schauplatz eines „inneren Bürgerkriegs“, ausgetragen zwischen konträren Impulsen.

Seelisch verunsicherte Zeitgenossen

Die Instanz, die solchen Ausnahmezustand in den Griff bekommt und zu beherrschen versteht, darf als souverän gelten. „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ – dieser totzitierte Satz Schmitts ist eine „psychotherapeutische“ Projektion auf den Staat.

Um den Ausnahmezustand zu beherrschen, muß der Feind erfaßt werden: Welche von meinen Persönlichkeitsanteilen muß ich bekämpfen? Welche sollen der „dunklen Seite” zugeschrieben, von mir abgespalten und zum (totalen) Feind erklärt werden? Dabei, so steht es im „Begriff des Politischen“, muß der Feind nicht einmal „unnütz“, sondern „wesensfremd“, der Selbstdefinition abträglich erscheinen. Nach einer scharfsinnigen Rezension durch Leo Strauss gab der Katholik Schmitt zu, daß der „totale Feind“ letztlich Satan sei.

Womit wir wieder beim Horrorfilm wären. Denn seit Beginn des Kinos ist Satan die Verkörperung des Feindes schlechthin. Auf ihn ließ und läßt man unzählige „Exorzisten“ los. Schließlich intendiert das Gruselgenre die Errichtung eines „Souveräns“ im seelisch verunsicherten Zeitgenossen. Und das gelingt ihm mittels Feindbenennung.

Scheinsieg

Der Feind verkörpert sich im Monströsen, das es zu vernichten gilt. Mit diesem Kampf provoziert das Horrorkino tatsächlich jenen kriegerischen, „dämonischen Glauben“, den Ernst Jünger schon 1925 vom Lichtspiel gefordert hatte.  Schließlich maß Jünger dem „inneren“ und „äußeren“ Kampf gleichen Wert bei und lobte George Bernanos‘ Roman „Die Sonne Satans“ für dessen Darstellung vom „Schlachtfeld der Seele“.

Allerdings machen moderne Horrorfilm-Regisseure dieser Freund/Feind-Konzeption zunehmend einen Strich durch die Rechnung, wenn sie die Untrennbarkeit von „Gutem“ und „Schrecklichem“ zeigen: indem sie die finale Überwindung des Monströsen zum Scheinsieg erklären, das Ungeheuer in der Schlußeinstellung wiederkehren lassen oder die Differenz zwischen „gut“ und „monströs” fließend gestalten. So entlarvt der zeitgenössische Horrorfilm das Scheitern einer Bewältigungsstrategie.

Da Verdrängung ebenso zur Niederlage führt, muß die Korrektur lauten: „Souverän ist, wer sein Monster integriert, ein Leben in duldender Zerreißprobe erträgt.“ Auch das läßt sich mit einer Denkfigur Carl Schmitts illustrieren, dem Katechon, der die drohende Apokalypse aufhält. Weder zerstört noch verdrängt er das Böse, sondern hält es seit Jahrtausenden in Schach. Nichts anderes verlangt auch der moderne Horrorfilm von seinen Zuschauern.

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