Grundlagen einer allgemeinen Ideologiekritik

Betrachtet man unbefangen die Menschen, welche heute politisch handelnd auftreten, wird man häufig folgendes feststellen: Wird der Mensch mit einem Problem konfrontiert, so bemüht er sich für gewöhnlich, dieses zunächst zu erfassen, um es dann zu bewältigen. Blickt man aber auf die politisch Handelnden der Gegenwart, so sieht man oft die völlige Unfähigkeit, eine Herausforderung überhaupt klar zu erkennen. Was dann aus diesem Handeln folgt, ist entsprechend sinnlos.

Wodurch wird dieses seltsame Unvermögen verursacht? Man hat es sich angewöhnt, mit einem mitleidig-herablassenden Blick auf das Mittelalter zu schauen: Was waren das nur für Menschen? Ein dumpfes Gemüt; unfähig, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen, lebten diese in ideologischer Verblendung vor sich hin. Wir dagegen haben uns durch Vernunft und Aufklärung auf eine geistige Höhe geschwungen, von der aus wir die gesamte Menschheit überblicken.

Gut, halten wir also eine Weile inne in diesem wohligen Wechselgefühl des Schauderns und dem Glück, die Krone des Menschengeschlechtes darzustellen. Doch dann sollte man sich verdeutlichen, daß der Mensch des Mittelalters uns mindestens das Gleiche vorwerfen kann. Denn in Wirklichkeit sind doch wir es, die träumend durch den Alltag gehen, nichts außer unseren Ideologien sehen und dadurch auch unfähig sind, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Ein kleines Beispiel:

Ideologien machen blind für die Wirklichkeit

Ein einschneidendes Ereignis geschieht, sagen wir, es kommt zu einer Hungersnot. Es würde im mittelalterlichen Gemeinwesen schlechterdings sinnlos sein, nach dem ideologischen Hintergrund zu fragen. War die Ursache eine Dürre, so wird sie es gleichermaßen im Bewußtsein des Bauers, des Bürgers oder des Adligen sein. War es der Krieg, so wird es eben der Krieg sein. Heute dagegen kann der Preis für ein Produkt in die Höhe schnellen und alle haben ihre eigene Meinung dazu.

Der erste spricht davon, daß das Eigentumsrecht an den Produktionsmitteln die menschliche Arbeitskraft entwerte. Der zweite davon, daß durch staatliche Reglementierung die wirtschaftliche Produktivität abnehme. Der dritte sieht die Ursache in einem sittlichen Werteverfall, welcher anfällig für bizarre Blüten der Spekulation mache und so weiter. Sie alle reden im Brustton der ideologischen Überzeugung. Dadurch reden sie aber auch alle aneinander vorbei und eine Verständigung ist nicht möglich.

Nichts sehen, nichts hören und nichts sagen können, so präsentiert sich der moderne Politiker: wirklichkeitsscheu und verliebt in Ideologien. Hat er ein Problem, so versucht er es mit dem abstrakten Katechismus seiner Ideologie zu bewältigen. Gelingt ihm dies nicht, so vertieft er sich nur um so tiefer in diesen Katechismus. Diese Eigenheit ist um so kurioser, als sich gerade die verblendetsten Menschen als Praktiker bezeichnen. Sie können ganz einfach nicht sehen, daß sie in Wirklichkeit blind sind.

Erst abstrakte Lebensverhältnisse ermöglichten zahlreiche Ideologien

Der Mensch des Mittelalters war vor diesem Verblendungszusammenhang durchaus geschützter, als man heute glaubt. Denn durch seine Lebensverhältnisse konnte er gar nicht diese oder jene Ideologie ausbilden. Es war für ihn beispielsweise unmittelbare Anschauung, daß das Schwert bei der Obrigkeit bleiben muß. Eine Ideologie, welche die Notwendigkeit einer Staatsgewalt leugnet und lieber von „herrschaftsfreien Räumen“ phantasiert, hätte der angeblich tumbe Tor sofort erkannt – als tumbe Torheit.

Erst die abstrakten Lebensverhältnisse der Gegenwart haben die Ausbildung von zahlreichen Ideologien ermöglicht. Man laufe nur einmal mit offenen Augen durch den Alltag und beobachte genau, wo noch konkrete Anschauungen herrschen, oder wo man sich schon an Ideologien orientiert. Man wird verblüfft sein, wie weit selbst bei Menschen mit durchaus konservativem Selbstverständnis die Ideologisierung fortgeschritten ist, sodaß der einzelne nur noch mittelbar in der Wirklichkeit steht.

Die Lösung kann natürlich nicht ein Rückfall in das Mittelalter darstellen, denn es hatte seine Gründe, daß Europa diese Kulturepoche hinter sich gelassen hat. Aber etwas muß durchaus der Anspruch sein: Ebenso, wie sich der Mensch des Mittelalters unmittelbar als Teil eines Gemeinwesens erlebte, so muß auch der Mensch der Gegenwart sein Bewußtsein auf eine Stufe erheben, wo ihm der soziale Organismus – jenseits von Ideologien – wiederum zur lebendigen Anschauung wird.

Ein Weg dorthin kann sein, sich unvoreingenommen die Gründe der verschiedenen Ideologien zu veranschaulichen, die so zahlreich und mächtig unseren Alltag durchdringen. Anregungen dazu sollen an dieser Stelle folgen.

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