Große Schritte, kleine Schritte

Als Neil Armstrong am 21. Juli 1969 als erster Mensch den Mond betrat, hatte er sich eigentlich den folgenden Satz zurechtgelegt: „That’s one small step for a man, one giant step for mankind“ („Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Schritt für die Menschheit“) – in der Aufregung verschluckte er aber das „a“ und mutierte dadurch zum Menschen schlechthin: Sein Schritt war nun „one small step for man“.

Symbolisch paßte dies gut, denn zweifellos erschien der amerikanische Astronaut weiten Teilen der Weltöffentlichkeit damals als Repräsentant eines neuen, sich von der Erde emanzipierenden und den Kosmos gleichsam in Besitz nehmenden Menschen.

Da „der Mensch“ und „die Menschheit“ aber beide den Typus bezeichnen, drohte der Satz, der mit soviel historischem Pathos aufgeladen werden sollte, ins Tautologische abzugleiten, denn seine Bedeutung resultiert ja nur aus dem Gegensatz zwischen dem konkreten Menschen und der Menschheit insgesamt.

Virtuelle Inbesitznahme

Armstrong bemerkte seinen Versprecher gerade noch rechtzeitig, stockte, überlegte wahrscheinlich, ob er sich korrigieren oder den zweiten Teil des Satzes verändern sollte, entschied sich für die elegantere Lösung und machte aus dem zweiten „step“ einen „leap“: Der Schritt des Menschen wurde zu einem Sprung für die Menschheit.

Die qualitative Differenz zwischen dem einzelnen Menschen und der Menschheit überhaupt ließ sich dadurch aber nicht mehr retten; der Gegensatz verlagerte sich vom Schreitenden auf die Bewegung, vom Schritt zum Sprung – und war eigentlich nur noch ein quantitativer Unterschied: der kleine Schritt als großer Fortschritt.

Heute, über vierzig Jahre später, muß der Mensch nicht mehr – wie er dies von Christoph Kolumbus bis Neil Armstrong  getan hat – einen Fuß vor den anderen setzen, um neue Kontinente und Monde oder gar Planeten und Sterne zu „entdecken“ beziehungsweise für seinen Auftraggeber, einen König, Präsidenten oder auch für ein politisch-ökonomisches System zu „erobern“; längst vollzieht sich die Inbesitznahme automatisch und virtuell, indem aus fernsten Galaxien stammende Lichtreflexe von Sternen aufgezeichnet werden, die niemals eines Menschen Fuß betreten wird.

Die Entfernungen, mit denen dabei wie selbstverständlich gerechnet wird, marginalisieren bemannte Raumflüge innerhalb unseres Sonnensystems, und ob es beim Mondflug bleibt oder ob man doch noch, wie schon seit langem diskutiert, den Mars ansteuern wird, erscheint nur als minimaler quantitativer Unterschied.

Schwach leuchtender Billigstern

Gleichwohl ist der Mensch durch die neuerliche (auf die heliozentrische, evolutionsbiologische, neurologische und andere Revolutionen folgende) Reduzierung seiner „Stellung im Kosmos“ (Max Scheler) infolge der unvorstellbaren Dimensionen des Universums und der Vielzahl potentiell belebter Welten im All nicht unbedingt bescheidener geworden; im Gegenteil kann jetzt sogar der „allzu konkrete“, nietzscheanisch gesprochen, „letzte Mensch“ vom Sessel aus ins Weltall greifen, einen Stern nach sich benennen lassen oder auch ein „Grundstück“ auf ihm erwerben, anstatt mit Goethe milde lächelnd den Kopf in den Nacken zu legen:

Die Sterne, die begehrt man nicht,
man freut sich ihrer Pracht,
und mit Entzücken blickt man auf
in jeder heitern Nacht.

Quantitative Entfernungen werden zunehmend bedeutungslos – bewirken allenfalls einen mit der Helligkeit variierenden Sternpreis –; und wahrscheinlich sind die „faustischen Menschen“ Kolumbus und Armstrong einander näher als dem postmodernen Konsumenten, der etwa bei der B.A.S.-Astroservice GmbH einen Stern kauft, um ihn seiner Liebsten zu verehren.

Für die 25 Euro, die ein schwach leuchtender Billigstern kostet, bekommt man aber auch einen stattlichen Blumenstrauß und dazu eine gute Flasche Sekt oder eine Schachtel Pralinen.

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