Flanieren im Internet

Wer bislang mit Hilfe von Google Earth aus der Vogelperspektive ein Reiseziel oder auch das Haus eines Bekannten begutachtete, konnte dabei nicht allzu viele Details erkennen. Dank der geplanten Einführung von Google Street View, das in Amerika und vielen europäischen Ländern bereits verfügbar ist, wird sich dies auch in Deutschland bald ändern.

Zwar sind die Datenschutzbestimmungen hierzulande – im Prinzip wenigstens – recht hoch, aber in der Praxis findet man Mittel und Wege, durch Unkenntlichmachung beziehungsweise „Verpixelung“ von Gesichtern und Autonummernschildern sowie durch Einspruchsrechte bei der Veröffentlichung von Hausansichten die Gemüter zu beruhigen.

Letztlich werden die Vertreter der „freien“, „global vernetzten“, „kommunikativen“ Welt über die deutschen Datenschützer, die man als grimmige Verteidiger privater Gartenzwergidyllen schmäht, den Sieg davontragen, zumal das Online-Flanieren eine Fortsetzung der gerade in Deutschland stark ausgeprägten „Panoramafreiheit“ darstellt.

Weg zum Einheitsmenschen

Nach dieser dürfen urheberrechtlich geschützte Objekte wie Gebäude und Kunstwerke, die sich dauerhaft an öffentlichen oder öffentlich einsehbaren Orten befinden, abgebildet, die Abbildungen vervielfältigt und auch kommerziell genutzt werden – das Interesse der Allgemeinheit überwiegt hier klar das private Sonderinteresse.

Daß dennoch so viele Menschen ein Unbehagen verspüren, wenn schon wieder etwas Partikulares überall auf der Welt zugänglich gemacht werden soll, hat mehrere Ursachen. In erster Linie scheint es um die Veröffentlichung – und damit letztlich die Beseitigung – des Privaten zu gehen, die bekanntlich zu den Hauptzielen linker Gesellschaftsveränderung gehört; alles Private ist bürgerlich, reaktionär, individualistisch, asozial, unkontrolliert und verschieden – deshalb gehört es auf dem Weg zum Einheitsmenschen abgeschafft.

So sehr dieses Motiv diejenigen bestimmt, die – wie es Linke unfreiwillig zu tun pflegen – die ideologische Begleitmusik zu den kommerziellen Interessen von Großkonzernen spielen, so unzureichend ist es doch für eine Erklärung dieser Besorgnis; schließlich ist die Fassade eines Hauses auch ohne im Internet auffindbar zu sein, ein Bestandteil der Öffentlichkeit und gehört nicht primär zu den Privatbereichen, auf deren Abbau es der gleichmacherische Totalitarismus abgesehen hat.

Die Welt als das schlechthin Umgreifende

Zu dem Gegensatz von Individuum und Gesellschaft tritt wesentlich ein räumlicher und zeitlicher Dualismus hinzu: Das Lokale wird global, und das Temporäre wird dauerhaft. Das Haus war auch früher schon von der Straße aus erkennbar, und es durfte gemalt oder fotografiert werden. Aber um es zu anzusehen, mußte man sich hinbemühen, und die Abbildung fand sich auf Postkarten, in Büchern oder Filmen, war aber doch nicht permanent konsumierbar.

Schon vor hundert Jahren bemerkten Kritiker der modernen Zivilisation wie Hermann Hesse, diese habe „Raum und Zeit getötet“, indem man in ungeheurer Geschwindigkeit überall hin gelangen könne und der Welt dadurch ihre Aura nehme; diese besteht zum einen in ihrer lokalen Eigenart und zum anderen in der Unverfügbarkeit des Ganzen – frei nach Heidegger „weltet“ die Welt als das schlechthin Umgreifende, indem sie sich erschließt und gleichzeitig entzieht. Sie bleibt immer Verheißung und Geheimnis.

Letztlich steht hinter der Angst vor der totalen Verfügbarkeit als Endziel der Geschichte ein „horror vacui“, eine Angst vor dem Nichts, das übrig bleibt, wenn alles erkannt ist; dies gilt nicht nur für die Enträumlichung unserer kleinen Erde, sondern auch für die Fragen nach dem Ursprung des Lebens oder der Existenz eines vom Körper unabhängigen Geistes. Es ist nicht verwunderlich, daß der Weltraum in dem Augenblick zu einem Hauptfaszinosum wurde, als die letzten weißen Flecken auf den Landkarten des Planeten getilgt waren.

Faszinierend und beängstigend

Vielleicht erfüllt uns die „Tötung“ des Raumes mit Unbehagen, weil wir noch die Gene von Menschen in uns tragen, die vor zehntausend Jahren durch endlose Einöden zogen und denen die Weite des mit immer neuen Abenteuern angefüllten Raumes Faszinosum und Tremendum war?

„Street Viewing“ radikalisiert nur die Mobilisierungsrevolution des 19. und 20. Jahrhunderts; und das Private wird zwar im Internet oft allzu öffentlich, kann aber – als private Meinung, Informations- und Kommunikationsmöglichkeit – durch dieses Medium auch gestärkt werden.

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