Facebook für Tote

Unser Land leidet bekanntlich an einer ausgeprägten Gedenkstätten-Zwangsneurose. Es paßt nur allzu deutlich zu einer morbiden, sich selbst verneinenden Gesellschaft, der kollektiven – und vor allem: offiziellen – Todessehnsucht mit immer neuen Erinnerungsorten, Mahnmalen, Stolpersteinen usw. Ausdruck zu verleihen, und auch sonst fügen sich viele Symptome in dieses Bild: die durch familienfeindliche Politik gedrückten Geburtenraten und die staatlich geförderten („rechtswidrigen und straffreien“) Abtreibungen bei gleichzeitigem Jammern über den Verfall des „Generationenvertrags“; die allgemeine Vergreisung bei kultureller Infantilisierung und der vorherrschenden Weigerung, erwachsen zu werden; der Unwille, der Elitenabwanderung zu begegnen und die Prekariatszuwanderung zu stoppen, und vieles mehr.

Volkstod und individueller Narzißmus

Mit der Gleichgültigkeit gegenüber dem ethnisch-kulturellen Tod korrespondiert als individuelles Korrektiv ein Narzißmus, der den einzelnen sein eigenes kleines – sowohl nach lang anhaltender Jugendlichkeit und Vitalität als auch nach Ruhm und Bedeutung strebendes – Ich furchtbar wichtig nehmen läßt; der Wunsch, wahrgenommen zu werden und sich ein kleines bißchen prominent fühlen zu dürfen, artikuliert sich zum Beispiel in dem Drang, möglichst viel von oder wenigstens über sich zu veröffentlichen:

Seien es Gedichte oder Tagebücher, die man als books on demand im Selbstverlag herausgibt, die zahllosen handy-uploads von Fotos und Filmchen, die man jeden Tag ins Internet stellt, oder die Stimmungsreflexionen und Äußerungen zum privaten Alltag, die man Fremden in Online-Foren mitteilt.

Gedenkstätten im Internet

Als ob es nicht schon genug Datenmüll im Netz gäbe, hat der ehemalige Focus-Chefredakteur Helmut Markwort vor wenigen Tagen die von ihm gegründete Internet-Plattform Stayalive vorgestellt – gleichsam ein „Toten-Facebook“, in dem man für sich selbst zum Zwecke seines Nachlebens oder für bereits Verstorbene „Gedenkstätten“ anlegen, „Trauergruppen“ gründen, sich mit anderen „Trauernden“ vernetzen, Friedhöfe verlinken kann usw.

„Machen Sie sich unsterblich“, tönt es auf www.stayalive.com, und: „Setzen Sie sich Ihr eigenes Denkmal“, aber was darunter verstanden wird, ist recht bescheiden: Man darf Bilder hochladen und mit diesen sein kleines Mausoleum selbst gestalten oder auch auf „Bausteine“ bzw. Formatvorlagen zurückgreifen und den „Scan-Service“ nützen.

Auch diese Unsterblichkeit ist leider nicht ganz umsonst zu haben, wenn man sie nach seinem Tode dauerhaft „nützen“ will, aber dank eines Click-and-Buy-Kontos ist die Bezahlung immerhin unkompliziert und sicher möglich.

Wikipedia für Jedermann

Ein wenig erinnert mich das Ganze an den Handel mit Grundstücken auf anderen Planeten oder mit Sternen-Namen in anderen Galaxien, mit Sünden-Nachlässen, Schein-Adelstiteln oder auch an den Verkauf von Luft in der Sesamstraße (war es Ernie, der diese Idee hatte?) – eine solche Art von Unsterblichkeit haben wir doch schon längst; und mancher wäre sogar froh, wenn er dem einem oder anderen falschen, überflüssigen oder denunziatorischen Datenvirus, das im Internet sein Eigenleben führt, seine Zählebigkeit abkaufen könnte, statt es noch für seine fortwährende Verbreitung von Scheininformationen zu bezahlen.

Das Facebook für Tote ist also eher eine Wikipedia für Jedermann oder ganz einfach nur eine an den Haaren herbeigezogene und von Geldgier strotzende Schnapsidee.

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