Die Welt von morgen

Im Jahre 1970 legte der Zukunftsforscher Alvin Toffler seinen Bestseller ‘Der Zukunftsschock’ vor, in dem er viele für unsere Zeit charakteristische Entwicklungen erstaunlich präzise vorhersagte, etwa die Neustrukturierung dessen, was wir bislang unter „Familie“ verstanden haben, die künstliche Empfängnis und die gentechnische Veränderung des Erbgutes.

Soeben erschien, vierzig Jahre später, eine neue Studie von Toffler Associates, deren Prognosen sehr einleuchten: Die Welt wird sich multipolar um China, Indien und Brasilien als neue, verbündete Machtfaktoren sowie die USA und (in schwindendem Maße) das alternde Europa organisieren; Südamerika wird wirtschaftlich auf-, Rußland und die arabischen Staaten werden aufgrund der wachsenden Bedeutung neuer Energiequellen absteigen; Klimaveränderungen und die Konkurrenz um Rohstoffe werden zu globalen Konflikten führen; das Christentum wird in Afrika und Lateinamerika prosperieren, während sich das kulturelle Antlitz Europas durch den ungebremst starken Zuzug von Muslimen verändert; Religionsgemeinschaften und andere NGOs sowie mächtige Einzelpersonen, etwa Multimilliardäre oder Warlords, gewinnen gegenüber den Regierungen an enormem Einfluß; Frauen dringen in sämtliche Führungspositionen vor; die Bedeutung von Bildung beziehungsweise „Informationsverarbeitung“ wird weiter steigen und die Schere zwischen „Modernisierungsgewinnern“ und „-verlierern“ immer stärker auseinanderklaffen lassen.

Sonderlich prophetisch kommen einem diese Voraussagen jedoch nicht vor; es handelt sich lediglich um eine Fortschreibung gegenwärtiger Trends.

Politisch-soziale Veränderungen sind schwerer einzuschätzen

Eine Tendenz, die uns nicht erst seit gestern verunsichert, besteht aber gerade in der Unübersichtlichkeit, die mit der für den Einzelnen wie für die Gesellschaft immer schwerer zu bewältigenden Informationsfülle einhergeht. Wird das Klima nun wärmer oder vielleicht doch erst einmal kälter? Führt die muslimische Immigration nach Europa tatsächlich zu einer Islamisierung oder mobilisiert sie Gegenbewegungen? Und kann die Lebenserwartung, die an eine sich kontinuierlich verbessernde medizinische Versorgung sowie an einen stabilen Generationenvertrag gekoppelt war, weiterhin steigen, wenn die Bevölkerungspyramide auf dem Kopf steht und die Divergenzen in einer „multikulturellen“, stark heterogenen Gesellschaft zunehmen?

Als Kind blätterte ich gerne in einem Sammelalbum meiner Mutter, „Die Welt von morgen“, das mir jüngst beim Packen von Bücherkartons wieder in die Hände fiel. Das Vertrauen in die Atomenergie war Anfang der sechziger Jahre nicht nur bei der Nudelfirma Birkel, die es damals herausgab, noch weithin ungebrochen: Man glaubte, bald in Atomflugzeugen und Atom-U-Booten um die Welt zu rasen, und sah sich Riesenfrüchte im heimischen Atomgarten ernten. Man besiedelte den Meeresgrund und baute auf dem Mond gewaltige Städte unter atmosphärischen Käseglocken.

Während die weniger spektakulären Prophezeiungen tatsächlich bald zu unserem Alltag gehörten und einige davon, wie etwa Schachcomputer, mittlerweile recht altbacken sind, blieb das meiste Science Fiction, obwohl man die Voraussagen auf technologische Entwicklungen beschränkte, die – in ihrer reinen Machbarkeit, nicht hinsichtlich ihres tatsächlichen Einsatzes – leichter abzuschätzen sind als Veränderungen im politisch-sozialen Bereich.

„Ende der Geschichte“ war vor zwanzig Jahren intellektueller Gemeinplatz

Kein Mensch hat um 1900, trunken von gepflegter Müdigkeit und saturierter Fin-de-siècle-Stimmung etwas von dem geahnt, was zwischen 1914 und 1945 passieren wird; Ende der vierziger Jahre erschien noch kein Wirtschaftswunder, wohl aber ein baldiges Scheitern der neuen demokratischen Ordnung absehbar, und der Atomkrieg war in den Siebzigern und frühen Achtzigern drohende Gewißheit. Das postmoderne „Ende der Geschichte“ war vor zwanzig Jahren ein intellektueller Gemeinplatz, und noch in den späten Neunzigern hat kaum jemand den heutigen Bedeutungszuwachs der Religion und die Brisanz moralisch-religiöser Debatten in der westlichen Welt vorausgeahnt.

Gerade aufgrund der allgemein beklagten Informationsflut muß auch weiterhin davon ausgegangen werden, daß es doch wieder erstens anders kommt als man zweitens denkt. Ob man dies, aufgrund des menschlichen Willens zur Planung und Beherrschung der Zukunft, fürchtet oder aufgrund des ebenso menschlichen Freiheitsdranges erhofft, ist eine Mentalitätsfrage.

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