Die Sprache des Vierten Reiches

Der deutsche Journalist Jürgen Elsässer gehört, seitdem er sich aus dem Spektrum der „Antideutschen“ gelöst hat, zweifelsohne zu den interessantesten „Querdenkern“ der letzten Jahre, um hier noch einmal auf meinen letzten Blog zurückzukommen.

Neben seiner Auseinandersetzung mit Themen wie Terrorismus und Geheimdienste oder Globalisierung sowie seiner „Volksinitiative gegen das Finanzkapital“ sind es auch seine Gedanken zum Thema „politische Korrektheit“, die eine Auseinandersetzung lohnen.

Auf seinem Blog schreibt Elsässer hierzu unter anderem: „Die political correctness ist die Ideologie der neuen Weltordnung. Klemperer analysierte die Sprache des Dritten Reiches, LTI, Lingua Tertii Imperii. Heute muß die Sprache des Vierten Reiches analysiert und bekämpft werden, Lingua Quarti Imperii, die Sprache des angloamerikanischen Imperiums.“

Konrad Löw als Urheber

Gerade dieser Gedanke aber, der gerne Elsässer zugeschrieben wird, stammt nun gerade nicht von ihm, sondern geht auf den Politikwissenschaftler und Juristen Konrad Löw zurück, gelegentlich auch Autor der JUNGEN FREIHEIT. Löw trug ihn unter expliziter Bezugnahme auf die Tagebücher des 1960 in Dresden verstorbenen jüdischen Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers Victor Klemperer in einem Radioessay mit dem Titel „Die Sprache des Vierten Reiches? Über Political Correctness“ im Südwestfunk am 13. Oktober 1997 vor.

Erstaunlich blieb, daß dieser Essay zu diesem Zeitpunkt im Südwestfunk (SWF), mittlerweile längst im Südwestdeutschen Rundfunk (SWR) aufgegangen, überhaupt gesendet worden ist, gehörte(n) und gehören doch der SWF und dann auch der SWR zu jenen Institutionen, die die politische Korrektheit quasi in Reinkultur vertreten.

Sprache des Fünften Reiches korrekter

Korrekterweise, dies macht eine Lektüre Klemperers deutlich, dürfte mit Blick auf das Regime der politischen Korrektheit nicht von der „Sprache des Vierten Reiches“ geredet werden, sondern von der „Sprache des Fünften Reiches“, notierte Klemperer doch am 15. Oktober 1945 mit Blick auf die Sprachregelungen der Sowjetischen Besatzungszone: „LQI übernimmt LTI mit Haut und Haaren“ beziehungsweise „LTI = LQI!“. LTI meint „Lingua Tertii Imperii“ und LQI „Lingua Quarti Imperii“. Die „Sprache des angloamerikanischen Imperiums“ wäre vor diesem Hintergrund also besser als „Sprache des Fünften Reiches“ zu charakterisieren.

Um zu Elsässer zurückzukommen: Originell an seinem Gedanken ist bestenfalls die Zuspitzung, es hier mit der „Sprache des angloamerikanischen Imperiums“ zu tun zu haben, die sich bei Löw so noch nicht findet, quasi aber angelegt ist, weil er ausdrücklich auf die Wurzeln der politischen Korrektheit an den Hochschulen der USA eingeht. Ziel der mit ihr einhergehenden „Säuberung der Sprache“ sei es, so Löw, „jeden verbalen Rassismus oder Sexismus und allen sprachlichen Verunglimpfungen ein Ende“ zu bereiten.

Siegeszug der politischen Korrektheit

Aus heutiger Sicht muß konstatiert werden, daß das, was an den US-Hochschulen begann, im „Westen“ einen geradezu flächendeckenden Siegeszug angetreten hat. Wer heute gegen die Sprachregelungen der politischen Korrektheit öffentlich verstößt, darf meist mit dem Ende seiner beruflichen Karriere und gesellschaftlicher Isolierung rechnen.

Es drängt sich hier in der Tat jene Formulierung aus George Orwells „1984“ auf, die auch Löw zitiert: „Die Neusprache … hatte nicht nur den Zweck, ein Ausdrucksmittel für die Weltanschauung und geistige Haltung zu sein, … sondern darüber hinaus jede Art anderen Denkens auszuschalten. Wenn die Neusprache erst ein für allemal angenommen und die Altsprache vergessen worden ist …, sollte sich ein unorthodoxer … Gedanke buchstäblich nicht mehr denken lassen, wenigstens insoweit Denken eine Funktion der Sprache ist.“

Wort und Bewußtsein

Man halte sich vor diesem Hintergrund einmal die Thesen des früh verstorbenen sowjetischen Psychologen und Sprachtheoretikers Lew S. Wygotski vor Augen, der der Überzeugung war, daß Denken und Sprache als „Schlüssel zum Verständnis der Natur des menschlichen Bewußtseins“ dienen könnten.

Etwas lyrischer formulierte Wygotski an einer anderen Stelle: „Das Bewußtsein spiegelt sich im Wort wie die Sonne in einem Wassertropfen.“ Da liegt es nahe, aus diesem Zusammenhang folgenden Gedanken zu ziselieren: Wer das Wort beherrscht, der beherrscht über kurz oder lang auch das Denken „der Menschen“.

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