Das wohlverstandene Eigeninteresse der Nationen

Wer heutzutage öffentlich auftritt und fordert, den Nutzen des deutschen Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden, dem schlägt nicht selten eine peinlich-berührte Stimmung entgegen. Als sei dies etwas äußerst Unschickliches, so vermeidet man möglichst den Eindruck zu erwecken, es gäbe so etwas wie deutsche Interessen, die man gegenüber dem Ausland durchzusetzen habe. Was heißt Ausland, sind wir nicht alle Menschen und damit irgendwie Weltbürger?

Statt zu akzeptieren, daß man einer bestimmten Nation angehört, deren berechtigtes Interesse berücksichtigt werden muß, ergeht man sich in allerlei wohlklingenden Phrasen. Das Ordnungsprinzip der Nationen habe sich überlebt, man müsse sich jetzt als Teil einer weltumspannenden Zivilgesellschaft betrachten. Damit sei aber doch der Schwarzafrikaner, der auf die Überweisung seiner Entwicklungshilfe warte, ungleich wichtiger, als das neue Dach auf der Schule im Nachbarort.

So bereist man als eine Art Heiland die Welt, will große Wunder bewirken, verteilt den eigenen Reichtum und verzichtet generös auf die Wahrnehmung eigener Interessen. Alles das mit großer Geste, als würde man ganz Erstaunliches vollbringen. Denn man glaubt in seiner überheblichen Eitelkeit ernsthaft, dadurch die Welt zu einem besseren Ort gemacht zu machen. Tatsächlich hat man aber lediglich veranschaulicht, daß die wirkmächtigen Impulse in der Welt fast immer durch Nationen geschehen.

Missionarischer Eifer die Welt zu erlösen

Frankreich vertritt französische Interessen, Amerika vertritt amerikanische Interessen, aber die Deutschen maßen sich an, für die Interessen der Menschheit einzustehen. Eigentlich ein nobler Gedanke, nur leider – man kann es nicht höflicher sagen – wird er von der dämlichsten Nation auf dem gesamten Erdenrund gedacht. Ein missionarischer Eifer glüht in Deutschland, das ganze Leid der Welt auf sich zu nehmen. Dabei übersieht man in seiner Dummheit jedoch eine nicht unerhebliche Kleinigkeit.

Bevor man auszieht, die Welt zu erlösen, sollte man sich vielleicht erst einmal um das eigene Überleben kümmern. Wenn dieses sichergestellt ist, besteht noch immer Kraft und Muße genug, zum Fortschritt der Menschheit beizutragen. Wer aber im Namen gegenseitiger Freundschaft stets nur nett und höflich ist und alles weggibt, was eigentlich ihm zusteht, der wird keine Freunde gewinnen, sondern nur Nutznießer, die auch nur als solche den Tod eines Lebensuntüchtigen betrauern werden.

Jede Nation besitzt ein ihr eigenes, unverwechselbares Dasein und damit ein wohlverstandenes Eigeninteresse. Ihre Vielfalt in harmonisches Wechselspiel gebracht, ergibt den Wohlstand der Nationen und damit den kulturellen Reichtum der Menschheit. Doch der Weinstock, an dem die Reben der Völker bisher gemeinsam wuchsen, ist krank geworden. Die alte Ordnung ist durcheinander gekommen und manche sprechen schon von der Gleichheit aller Trauben als erstrebenswerten Ersatz.

Streben nach objektiver Welterfassung

Wie Perlen aneinandergereiht, sei mit diesem gleichförmigen Muster das Ideal völliger Freiheit, absoluter Gerechtigkeit und bedürfnisloser Zufriedenheit erlangt, so sprechen sie. Doch sie übersehen dabei, daß in diesem sozialen Gebilde notwendig alle Kultur ersterben wird. Statt diesem Grab der Zivilisation entgegenzutaumeln muß daher eine neue Ordnung entwickelt werden, in dem die Nationen wieder in ein Wechselspiel treten können; nicht als bloße Wiederholung, sondern als Steigerung ihrer Kräfte.

Dazu muß sich jedoch eine aus der Mitte der Nationen opfern. Eine muß ihr bloßes nationales Dasein aufgeben, welches immer einen winzigen Splitter aus dem unerschöpflichen Meer der Menschheit ausmachen kann, und sich zur objektiven Welterfassung aufschwingen, um so die „vollständigste Übersicht über alle Teile des Menschengeschlechts zur Hervorbringung der reinsten und höchsten Humanität“ zu gewinnen. Dies sei aber nach Wilhelm von Humboldt die Aufgabe der Deutschen.

So schreibt Humboldt im Aufsatz über „Das 18. Jahrhundert“ 1796: „In der Tat gibt es keinen ehrwürdigeren Charakterzug, der unserer Zeit, und man darf es mit Stolz hinzusetzen, unserer Nation so ausschließend angehörte, und so beruhigende und erhebende Hoffnungen für die Zukunft gewährte, als dieser.“ Eine Nation, die dies vermag, steht höher als alles „Weltbürgertum“. Wer dagegen seine Nation und ihre Kultur verleugnet und dies als Fortschritt betrachtet, dessen Opfer war sinnlos.

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