Barschel und der Mossad

Die Veröffentlichungen über den Fall Uwe Barschel in der Welt am Sonntag vom Wochenende sind aus zweierlei Gründen bemerkenswert: Einmal, weil in der als proisraelisch geltenden Welt in großem Stil darüber berichtet wird, daß der israelische Geheimdienst Mossad aufgrund eines Gutachtens des Schweizer Toxikologen Hans Brandenberger unter Verdacht steht, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein ermordet zu haben.

Zum anderen, weil sich Brandenberger in seinem Gutachten direkt auf die (umstrittenen) Enthüllungen des Ex-Mossad-Agenten Victor Ostrowsky bezieht („Geheimakte Mossad“, München 1994), in dem der Mord an Barschel durch ein Killerkommando der Mossad-Abteilung Kidon (dt. Bajonett) – das Barschel verschiedene Medikamente verabreicht haben soll, die in der Summe tödlich wirkten – minutiös geschildert wird. Diese Schilderungen wurden bisher gerne als „Verschwörungstheorie“ abgetan. Offensichtlich sind Ostrowskys Offenbarungen aber doch so brisant, daß die israelische Regierung (letztlich vergeblich) versuchte, die Veröffentlichung des Buches in den USA zu verhindern.

Die Rolle des BND

Ostrowsky ist nun in einer ganz zentralen Passage seiner Ausführungen durch einen renommierten Toxikologen bestätigt worden. Das gibt Anlaß, einmal kurz einen Überblick über die von Ostrowsky geschilderten Zusammenhänge in der Causa Barschel zu geben. Barschel hatte offensichtlich das Pech, in ein Waffengeschäft zwischen dem Iran und Israel („Operation Hannibal“) hineingezogen zu werden. Hintergrund war der iranisch-irakische Krieg (1980–1988); der Iran benötigte für seine Luftwaffe Ersatzteile, die Israel zu liefern bereit war – wohl auch aus der Absicht heraus, diesen Krieg nach Möglichkeit zu verlängern.

Der Iran wollte nach Ostrowsky allerdings nicht direkt Geschäfte mit Israel machen, wodurch der deutsche Geheimdienst BND als „Zwischenhändler“ mit ins Spiel kam. Drehscheibe des „deals“ soll ein ehemaliger Flughafen, der 20 Minuten von Kiel entfernt lag, gewesen sein. Die Iraner hatten bald weitere Wünsche, die sie ihrem BND-Verbindungsmann vortrugen: Sie wollten Piloten ausbilden lassen. Hierfür wurden auf dem Flughafen Simulatoren eingerichtet und Israelis begannen damit, iranische Piloten auszubilden.

Der BND vertrat dann die Auffassung, daß der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel (CDU), eingeweiht werden müßte. Doch die Erlaubnis für diesen „deal“, die der BND beim Ministerpräsidenten einholen wollte, verweigerte Barschel. Von diesem Moment an, so Ostrowsky, wurde Barschel zu einer „Bedrohung“, weil er möglicherweise Bundeskanzler Helmut Kohl hätte einweihen können, der als wenig „mossadfreundlich“ gegolten haben soll.

Showdown im „Beau Rivage“

Der Mossad soll daraufhin laut Ostrowsky den Oppositionsführer im Kieler Landtag (der namentlich nicht genannt wird) kontaktiert haben, der angeblich „zu jedem Versprechen bereit“ gewesen war, um die anstehenden Landtagswahlen zu gewinnen. All das soll den israelischen Geheimdienst nicht mehr als „eine neue Pfeife und etwas Tabak“ gekostet haben.

Der Mossad soll weiter „einen politischen Apparatschik in Barschels Partei“, „Whistler“ genannt, ausfindig gemacht haben, der erklärte, daß er „alles tun würde, um ihn [Barschel] dranzukriegen“. „Whistlers“ Intrigen, die hier, da bekannt, nicht weiter vertieft zu werden brauchen, trugen schließlich maßgeblich zum Rücktritt Barschels bei. (Auch der Klarname von „Whistler“ wird nicht genannt.)

Barschel kämpfte aber weiter um sein Renommee und bedeutete laut Ostrowsky dem BND, auszupacken, wenn der Geheimdienst nicht hälfe, ihn zu rehabilitieren. In dieser Situation hätten die „mittleren Chargen des BND“ den Mossad um Hilfe gebeten. Für den Mossad war klar, was jetzt auf der Agenda stand: „Barschel mußte gestoppt werden, bevor er als Zeuge [im Kieler Untersuchungsausschuß] aussagen konnte.“ Für Barschel begann von nun an der „Showdown“, der sich unter den bekannten Umständen im Genfer Luxushotel „Beau Rivage“ abspielte.

Abschied von einem Tabu?

Bestätigt durch das neue Gutachten darf sich unter anderem Heinrich Wille sehen, Ex-Oberstaatsanwalt von Lübeck, der einen Mord an Barschel für plausibel hält und seine Erkenntnisse 2007 in einem Buch veröffentlichen wollte, was damals juristisch verhindert wurde. Nun macht Wille einen neuen Anlauf, das Buch zu veröffentlichen. „Bei meinen Ermittlungen habe ich den Eindruck gewonnen“, so Wille, „daß es starke Kräfte gibt, die die Aufklärung des Falles unter allen Umständen verhindern wollen.“

Die Konsequenzen des Brandenberger-Gutachtens sind noch unübersehbar. Bisher wurde die mögliche Ermordung eines deutschen Politikers durch den Geheimdienst eines „befreundeten“ Staates als undenkbar dargestellt. Möglicherweise muß von diesem sorgsam gehüteten Tabu Abschied genommen werden. 

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