Wir brauchen eine Apokalypse!

Wir haben’s geschafft, glaubte Jean Baudrillard. Utopie und Apokalypse, alles überwunden. Die   reale Welt verschwindet in medialen Netzwerken und Virtualität. Das war Ende der Achtziger. Inzwischen wirkt diese Diagnose reichlich antiquiert. Mag auch kein kalter Krieg mehr drohen, mag die Generation der heute Zwanzigjährigen nie vom „sauren Regen” gehört haben, auf Apokalypse möchte jedoch keiner verzichten.

In dem Punkt ist der Mensch traditionsbewußter als Baudrillard glaubte. Man ist sich einig: Apokalypse muß sein, fragt sich nur: nach wessen Drehbuch? Denn anders als im christlichen Zeitalter gibt es keine verbindlichen Bilder- und Kausalphantasien über die „letzten Dinge”.

Warten auf den Knall

Linke Apokalyptiker warten auf kommenden Klimaknall während rechte Propheten auf Sitten- und Kulturverfall schwören. „Jedem das seine”, möchte man sagen und sich abwenden. Dann aber fragt man sich: „Woher dieser Bedarf an Untergangs-Szenarien?” Dienen sie als „Verstärker”, als „Motivationshilfe” für das jeweilige Anliegen? Oder sorgt Bürgerangst für Macht und Reichtum diverser Lobbyisten?

Das mag in manchen Fällen zutreffen, aber der wahre Grund liegt tiefer: Der Mensch will den Untergang, sehnt sich nach Apokalypse. Gewiß trägt der homo sapiens einen (Über-)Lebenstrieb in sich, der ihn im grausigsten Alltag weitermachen läßt. Zugleich flüstert ihm die andere Seelenhälfte: Weg mit dieser Welt! Rache für unzählige Frustrationen! Revanche für die eigene Endlichkeit! – Dieser heimliche Zerstörungswunsch ist Vater aller apokalyptischer Befürchtung.

Es schlägt die Stunde der Apokalyptiker

Ein verdrängter Pessimismus, der sich als Sorge tarnen und dem politischen (oder religiösen) Gegner die Schuld in die Schuhe schieben kann. Auffallend ist, daß in den wenigen historischen Glücksmomenten, etwa nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Blocks, solche Bildphantasien kaum Verwendung finden. Erst wenn der graue Alltag sein Comeback feiert, wenn die Sorge um Existenz und Statuserhalt zunehmen, schlägt die Stunde der Apokalyptiker:Lieber ein Untergang mit Schrecken als ein Schrecken ohne Untergang.

Ernst Jünger wußte Bescheid, als er vor ca. 80 Jahren schrieb, daß selbst der dunkelste Ausspruch der Apokalypse sich besser zur Gründung einer Weltanschauung eigne als die moderne Wissenschaft. Weil sie den Repressionswunsch des Individuums bedient.

„Nun erscheint wieder, auf Samtpfoten,  

das Nichts, das tröstet und läutert,

das so taktvolle und anmutige Nichts,

Lohn der Guten, Trost der Elenden,

wiedererlangte Unschuld des bleichen Untäters”,

dichtete Pierre Gripari in seiner „Litanei des Nichts”. Wer kann da widerstehen?

Übrigens: Daß Apokalyptik massig Masochismus, Lust an Selbstquälerei durch Selbstvorwurf und radikalem Verzicht beinhaltet, ist bekannt. Aber das impliziert keineswegs Zustimmung für die hedonistische Wachstums- und „Weiter so!”-Fraktion. Vielmehr gleichen sich beide. Denn ob man den Gürtel kontinuierlich enger oder weiterschnallen möchte: Beides führt letztlich zur psycho-physischen Verkümmerung. Schon der Marquis de Sade wußte, daß Asket und Libertin aus dem gleichen faulen Holz geschnitzt sind.

Die Wiederkehr der Apokalypse

Aber mit der gegenwärtigen Wiederkehr der Apokalypse in die westliche Kultur erübrigt sich auch Baudrillards zweite These, daß die Welt in purer Virtualität versinke. Denn durch die Aussicht auf baldiges Ende, werden Welt und Menschheit plötzlich wieder hochreal. Nur das Endliche hat für den Menschen wert, kann von ihm geschätzt und genossen werden. Eine weitere Idiotie, mit der seine Psyche ausgestattet ist.

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