Zwei Wochen Spanien

Zwei Wochen Spanien: Prado, Escorial, in der Thyssen-Bornemisza-Stiftung die Charakterköpfe der Renaissance-Zeit, in Toledo die Kathedrale und um Mitternacht eine vorösterliche Prozession. Vor den El Grecos jedesmal das großes Zittern – der Anhauch dessen, das uns übersteigt, kaum zu ertragen. Im Gepäck, zum Wiederlesen, „Cervantes“ von Bruno Frank. Wie schön das Leben doch sein kann! Womit, um alles in der Welt, vergeude ich zu Hause bloß meine Zeit?

Zurück in Berlin, in der Gegenwart. Die Nachricht, daß der JF-Weblog anläuft, ich mache doch hoffentlich mit? Ich ziehe scharf Luft, denn das bedeutet: Rasch wieder eingetaucht in die Welt der falschen Wörter! Und wie schnell und gründlich sie mich packt! Ich dachte, abgehärtet zu sein, aber die Bilderzerstörung von Chemnitz ist ein Schock für mich. Eine Zäsur und neue Eskalationsstufe im stillen, einseitigen Bürgerkrieg. Das falsche Wort zum Ereignis lautet diesmal: „Courage“ und stammt von der Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, SPD. „Ich finde die Entscheidung, das Bild zu übermalen, absolut richtig. Es geht darum, Courage zu zeigen.“

Im Wahrig, Gütersloh 1977, steht unter Courage: „Mut, Schneid“, und unter couragiert: „mutig, tapfer“. Das Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (Berlin/Ost 1984) ergänzt noch: „beherzt“. Was, um alles in der Welt, ist mutig, tapfer und beherzt daran, die Arbeit des 23jährigen Malers Benjamin Jahn Zschocke zu zerstören, seine öffentliche Ausstoßung zu zelebrieren, ihn mit dem sozialen Tod zu bedrohen? Wo wären die Gegenkräfte, an denen Frau Ludwig ihre Tapferkeit erproben müßte? Die meisten Medien, auch Arte und 3Sat, die sogenannten Kultursender, stimmen doch zu, und sei es durch Schweigen zu. Der Sächsische Künstlerbund läßt durch seine Geschäftsführerin Lydia Hempel verlauten: „Auch wenn das Bild letztlich keine plakatischen ideologischen Inhalte zeigt, unterstützen wir keine Künstler, die sich mit rechten Parolen in der Öffentlichkeit äußern.“ Das war in der DDR ganz ähnlich.

Statt Kollegen gegen Verfolgungen beizustehen, bescheinigten die Berufsverbände dem Staat, er handele mit seinen Drangsalierungen ganz richtig. Damals waren Angst und Verblendung – ihr offizieller Name lautete: fortschrittliche Einstellung – am Werk. Und heute? Hinter der Erklärung von Frau Hempel schimmert die Furcht durch, selber ins Fadenkreuz der Verfolger zu geraten, aus den Worten der Oberbürgermeisterin Ludwig spricht blanker Stumpfsinn, der gegen Selbstzweifel immun ist. Frauen sind eben doch keine besseren Menschen. Die Fähigkeit zum Chorheulen, die zur Grundausstattung couragierter Demokraten gehört, kennt man übrigens auch von den Wölfen, den Hunden sowie den Schimpansen.

Und was tue ich armer Don Quijote, der sich inmitten des Zoos wiederfindet? Ganz klar, ich sattle meine Rosinante und gebe ihr die Sporen. Vielleicht findet sich doch noch ein Weg ins Freie!

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