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Protestler, untot

Niedlich sahen sie aus, die Punks mit ihren rotgefärbten Irokesenkämmen, die sich um den 1. Mai in Berlin herumtrieben, niedlich jedenfalls im Vergleich zum Schwarzen Block.

Man mußte aufpassen, sich bei Begegnungen sein ironisches Mienenspiel zu verkneifen. Protestler, die ihren Protest belächelt sehen, werden aggressiv. Worin besteht der Protest, den ihre Haartracht transportieren soll?

Protest mittels Frisur

Der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini machte sich 1972 Gedanken über die „Sprache der Haare“. Er meinte die Langhaarfrisur, die 1966/67 unter jungen Männern aufkam. Er übersetzte ihre nonverbale Zeichensprache so:

„Die Konsumgesellschaft ekelt uns an. Wir protestieren radikal. Wir schaffen durch Verweigerung einen Antikörper zu dieser Gesellschaft. Unsere Generation sollte eine Generation von Integrierten sein? (…) Auf die Perspektive, als ’Exekutives‘ zu enden, antworten wir mit Wahnsinn. Wir schaffen neue religiöse Werte innerhalb der bürgerlichen Entropie (…). Wir tun dies mit einem Aufschrei revolutionärer Gewalt (die Gewalt der Gewaltlosen!), denn unsere Kritik an der bestehenden Gesellschaft ist total und kompromißlos.“

Rebellion nur noch als Inszenierung

Doch die Halbwertzeit des Protests war kurz. Um 1969/70 waren die Haare zwar noch länger, aber zur Allerweltsmode geworden. Die Flut von Erklärungen und Selbsterklärungen, von der sie begleitet wurde, belegten, daß die Eindeutigkeit und Authentizität des Protests verschwunden waren.

Die Rebellion fand nun als Inszenierung in Werbung, Kulturindustrie, Medien statt und hatte dafür Rechtfertigungen nötig. Wer jetzt die langen Haare für sich entdeckte, bekannte sich in Wahrheit zum Zustand der Regression und übertraf die „Ängste und Anpassungszwänge“, das „Spießertum und (die) Armseligkeit“ der Väter.

Seine Frisur war jetzt die Unterwerfungsgeste an „eine Welt, in der ein Jugendlicher ohne lange Haare absolut unvorstellbar geworden ist und für die Interessen der Herrschenden geradezu skandalös wäre“ (P. P. Pasolini).

Randalieren auf der Spielwiese

Vielleicht ist das der normale Lauf der Welt. Heute sind die Protestkulturen stärker ausdifferenziert als 1966, gleichzeitig werden ihre Halbwertzeiten immer kürzer. Manchmal scheint es, das attackierte „System“ müßte sie gar nicht erst vereinnahmen, weil sie ohnehin seine Kreationen sind und sonst nichts.

Eine Protestform, die vor über dreißig Jahren kreiert wurde und aus Bequemlichkeit weiterpraktiziert wird, ist die Kultur von Untoten. Zu diesem Untotsein gehört das Randalieren auf Spielwiesen, die ihnen das System großzügig eröffnet.

Daher die behördliche Zustimmung zu den alljährlichen Mai-Krawallen in Berlin. Die Protestierer dürfen ihre jeweilige Sau – Zukunfts- oder Versagerangst, Kleinstadt-Langeweile etc. – risikolos rauslassen. Ihr kleiner Überschuß an Energie verpufft auf herrschaftstechnisch harmlose Weise. Das sind die Protestierer, die zu diesem Land passen!

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