Joachim Kuhs

 

Generation D?

Daß die Krise nicht sogleich Auswirkungen hatte, die Millionen neuer Arbeitsloser in Lumpen gehen ließ, verleitete zunächst zum großen Aufatmen. Zwar kokettierten die Bildredaktionen mit Photomaterial aus den frühen Dreißigern, aber grundsätzlich meinte man, wieder mal davongekommen zu sein.

In manchen Kommentaren verstärkt sich jetzt der eher gefühlte als klare Eindruck, es müßten alte Denkmuster doch radikaler verändert werden, als noch vor Wochen angenommen.

Zunächst wurde ein Trostbegriff konstruiert: „Generation D“. Er soll für das geläuterte Selbstverständnis junger Verantwortungsträger stehen, die aus der Krise lernten und „als erste gesamtdeutsche Generation“ ihre soziale Verantwortung neu entdecken. Da substantielle Ansätze wie stets fehlen, läuft das üblicherweise als Ideenwettbewerb, diesmal unter der Ägide von Bayerischer EliteAkademie, Süddeutscher Zeitung und Allianz SE.

Zweifelhafte Yuppie-Klischees

Daß dabei eben nichts Neues gewagt wird und keine mutige Idee zustande kommt, sondern eben die zweifelhaften Yuppie-Klischees gepflegt werden, die für den Stil einer glückverheißenden Marktradikalität stehen, offenbart der angloamerikanische PR- und Marketingstil der Internetofferten von www.gemeinsam-anpacken.de.

Symptomatisch das „Projekt“ „BIE-UNITED – BUSINESS INTEGRATED EDUCATION“ von Studenten der „Hamburg School of Business Administration“. Der Hit dieser Youngsters soll in einem angeblich völlig neuartigen und kunterbunt dargestellten Säulenmodell bestehen: „BIE@School“, „BIE@Work“ und „BIE@Home“ bilden im Layout eines Bastelbogens als Säulen die „Business Integrated Education“, womit nach Auffassung des „Teams“ endlich „für die dauerhafte Verzahnung von Schule und Wirtschaft mit der Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland durch Integration und Kooperation“ gesorgt wäre. Angeblich eine tolle Innovation, aber in dieser Weise haben Unternehmensberater über Jahrzehnte für horrende Honorare Papier mit Excel-Simplifikationen bedruckt und hohle, aber raumfüllende Sprechblasen aufgebläht!

Bedenklicher Wirtschaftsfetischismus

Ein solcher Unfug von Phrasen im Hochglanzformat nützt nicht nur niemandem, sondern degradiert Deutschland zum „Standort“, dem mit ein paar hippen Power-Point-Präsentationen von smarten Schlipsträgern aufzuhelfen wäre. Das haben schon „Business@School“ und Schröders „Laptop-Klassen“ versucht. Die ungeschickte, aber aufwendige Kampagne „Du bist Deutschland!“, die Optimismusplakate im Stil der DDR-Propaganda verklebte, wirkte dagegen fast liebenswert.

Wettbewerbe und „Kreativitäts-Pools” im Stil der lobbyistischen „Initiative Marktwirtschaft“ sind nicht nur vom faulen Zauber Potemkinscher Dörfer, sondern folgen einem ebenso platten wie bedenklichen Wirtschaftsfetischismus, dessen Prospektästhetik den Jahren des Hype ihren falschen Charme anschminkte. Sicher, man könnte solche und andere „Initiativen“ als Karikatur politischer Impotenz auffassen, aber sie pflegen genau den Geist, aus dem heraus Deutschland von einer Nation zur Deutschland AG abstieg.

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