Experimentelle Musik: Versuch einer Annäherung

Im meinem letzten Blog deutete ich es bereits an: Experimentelle und in Teilen auch die Neue Musik sind für viele ein rotes Tuch; die wenigsten Zeitgenossen finden hier, ähnlich wie bei der modernen Kunst, einen Zugang. An dieser Stelle soll deshalb ein Zeichen gesetzt und um Verständnis und Toleranz für diese umstrittene Musikrichtung geworben werden. Möglicherweise kann dieser Blog zu einer Durchbrechung verkrusteter Vorurteilsstrukturen beitragen.

Das im folgenden dokumentierte Interview, das Phon-Press (PP) mit dem renommierten französischen Experimentalmusiker Ping Xu Wagner (Serge Cressin) führte, unterstreicht einmal mehr, wie differenziert und vielgestaltig sich die Experimentalmusik, die längst eine breitere Akzeptanz und Aufmerksamkeit verdient hätte, in den letzten Jahren entwickelt hat. Es zeigt aber auch, daß auch die Experimentalmusik von Mißverständnissen und Rivalitäten nicht frei ist.

PP: Monsieur Wagner, in Ihrer letzten Arbeit „La Cacophonie des Miserables“ lassen Sie viele musikalische Konventionen hinter sich. Einige Kritiker monierten, daß in Ihrem Fall eigentlich gar nicht mehr von Musik geredet werden kann kann. Ein Fehlurteil?

Wagner: Eh bien. Diese Auffassung resültiert uniquement aus der insensibilité dieser Leut gegenüber neuen Klangformen. Dies möscht isch noch präzisieren, und zwar da’ingehend, daß isch in mein Verständnis von Klangformen alle möglischen Geräusche integrier. Daraus resültiert auch das Phänomen der aküstischen Täuschung. Dies führt dazu, daß gerade analytisch veranlagte Menschen – wie dies Kritiker meinen zu sein – nischts mehr Aussagekräftiges über mein musique ’ervorbringen. Profondement zeigt sisch darin die Sprachlosischkeit von mein musique.

Populäre und geniale Musikwerke

PP: Was steht eigentlich hinter dem durchgehenden Summton, der nur durch das Verlesen von Zahlen (verlesen werden die Zahlen 1 bis 5, Anm. d. Red.) unterbrochen wird und ihre letzten Konzerte weitgehend bestimmt hat? Zeichnet dies nicht auch Edgar Zinslos‘ neuestes Werk „Der Ton und das Nichts“ aus?

Wagner: Alors, cela me fait en rage! Wie können Sie es wagen, mein composition comparer – isch mein vergleischen – avec ein Produktion von Monsieur Zinslos qui s’appelle „Der Ton und das Nischts“. C’est indiscutable, wenn Sie nischt können abstrahieren ein production populaire d’une production géniale! Natürlisch liegt das totalement außerhalb von kompositorische Konvention, wenn isch intégrer un ton contemporain – will sagen alltäglisch – in ein Kunstwerk, das ein grand publique genießen soll.

PP: Sie nehmen immer wieder auf Tonsystem Chinas Bezug. Was steht dahinter?

Wagner: Alors. Die Chinois knüpften an immédiatement an die douzaine durance d’espace, will sagen: dauerräumlische Zwölf, zuerst in Gestalt des zwölffachen ’albtonkreises, existant de zwölf sogenannte Lü. Es gibt sechs männliche Lü, die Yang-Lü, und sechs weiblische Lü, die Ying-Lü. Denn Ying und Yang, die männlisch-weibliche Urpolarité, existe déjà im Dauerräumlischen. Indem die Ying-Lü ihre Plätze tauschen, entsteht aus dem ’albtonkreis ein Quintenkreis. Auch dieser ist immer noch dauerräumlischer Natür. Dem chinesischen Müsikmeister Ling-Lün gelang es dann, aus den ersten fünf Lü die Tön der ersten Pentatonique „’erauszuholen“. Damit war die Pentatonique geboren, die für das Verständnis von mein Werk grundlegend ist.

Philiströse Anpasser in Zukunft ohne Chance

PP: Joseph Beuys hat von einem erweiterten Kunstbegriff gesprochen. Wie sehen Sie die Rolle der experimentellen Musik in diesem Zusammenhang?

Wagner: Dem möscht isch misch anschließen. Die musique wird en future immer mehr auf Improvisation, neu Instrument, die Erweiterung der Tonsystème und auf das schöpferisch Individuum abzielen. Der philiströse Anpasser wird auqu’une chance ’aben!

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