Die Mondlandung, Hans Dominik und der Ingenieurmangel

Selten genug stehen Technik, Wissenschaft und Forscherdrang im Mittelpunkt historischer Rückblicke. Der vierzigste Jahrestag der Mondlandung bot dazu seltene Gelegenheit. Neben den erstaunlich langweiligen und beamtenhaften Rückerinnerungen der US-Astronauten, die als erste den Fuß auf den Erdtrabanten setzten, entsann man sich auch des Vaters des Mondfluges. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen widmete dem „Raketenmann“ Wernher von Braun ein bemerkenswertes Dokumentarspiel.

Wernher von Braun war ein Kind seiner Zeit, ein von Naturwissenschaft und Technik Besessener, der es verstand, mit seinem Enthusiasmus andere zu begeistern und mitzureißen. Diese Durchdrungenheit war eine Voraussetzung, um seine Mission verwirklichen zu können. Der Freiherrensohn aus der Provinz Posen, der schon als Dreizehnjähriger im Tiergarten einen mit Feuerwerkskörpern aufgerüsteten Bollerwagen auf die Passanten losließ, gehörte jener Generation von Jungs an, die in den zwanziger Jahren mit heißen Ohren die Zukunftsromane des Elektrotechnikers, Maschinenbauers und Fachjournalisten Hans Dominik verschlangen.

Dominiks Held war der idealisierte deutsche Ingenieur, der, als Techniker oder Wissenschaftler, diszipliniert und asketisch mit hohem Ethos um neue Erkenntnis und geniale Erfindung ringt, um wieder und wieder die Welt zu retten vor den finsteren Machenschaften intriganter Franzosen oder angelsächsischer Profitjäger, die den technischen Fortschritt skrupellos für eigene Bereicherung oder Machtphantasien zu mißbrauchen suchen und dadurch die Menschheit ein ums andere Mal in verheerende Kriege stürzen oder an den Rand ökologischer Weltkatastrophen bringen.

Von politisch korrekter Nachbearbeitung verschont geblieben

Dominik zeigt, daß Technikbegeisterung und Kritik am kriegerischen Mißbrauch von Entdeckungen wie der Kernenergie durchaus zusammenpassen. Wer die Faszination dieser Romane nachempfinden will, halte sich an die antiquarischen grünen Leinenbände von Scherl und anderen Verlagen aus den zwanziger und dreißiger Jahren, die von politisch korrekter Nachbearbeitung und volkspädagogischer Kürzungswut verschont geblieben sind.

Das Schlagwort „Ingenieurmangel“ kannte jene Generation, in deren Lehrplänen die Naturwissenschaften ganz oben standen und zu deren Vorbildern Wissenschaftler und Ingenieure eher gehörten als walerettende und fabrikbesetzende Grünfriedler, übrigens noch nicht. Der Gedanke mag erlaubt sein, ob ein Hans Dominik des 21. Jahrhunderts für die Schließung der Ingenieurslücke nicht wertvoller wäre als so manches steuerfinanzierte „Exzellenz“-Programm.

Wissenschaftlich-technische Höchstleistungen hängen eben nicht nur von der Höhe des Aufwands für Förderprogramme ab, sondern in erster Linie von den geistigen Grundlagen in Bildungswesen und Gesellschaft. Fände man den Mut, den überzogenen Kult um „soft skills“ und „soziale Kompetenzen“ zurechtzustutzen und der ideologischen Verteufelung von Naturwissenschaft und Technik nicht auch noch regierungsamtlich Vorschub zu leisten, wäre dafür schon viel gewonnen.

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