Church Night statt Halloween?

Heute ist wieder ein großer Tag für die Süß- und Spielwarenindustrie. Mit einem breit angelegten Werbefeldzug, der 1994 begann, ist es ihr gelungen, ein zusätzliches absatzförderndes Großereignis in Deutschland einzuführen. Im Jahr 2006 verkauften sie über 200.000 Kostüme für Erwachsene und Kinder, 200.000 Perücken, 250.000 Hüte und mehr als zwei Millionen Stück weitere Halloween-Artikel, zumeist hergestellt in Fernost.

Für die deutsche Süßwarenbranche ist Halloween nach Weihnachten und Ostern das drittwichtigste Einzelereignis im Jahr. Im Jahr 2007 gaben die Deutschen schätzungsweise 150 Millionen Euro für Halloween aus.

Der Schönheitsfehler ist dabei: Halloween amerikanisiert die deutsche Sprache und Kultur und fällt zu allem Überfluß noch auf den Reformationstag. Wenn sich Kinder als Tote verkleiden und mit der Parole „Süßes oder Saures“ auf Erwachsene gehetzt werden, kann ich beim besten Willen keine kulturelle Bereicherung erkennen. Im völligen Gegensatz dazu hat die Reformation, die heute gefeiert wird, viel für die deutsche Sprache geleistet.

Reformation bereicherte die deutsche Sprache

Schließlich trug Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung zur Ausbildung des Hochdeutschen bei und bereicherte die deutsche Sprache mit zahllosen Wortschöpfungen. Auch in anderen Ländern verhalf die Reformation der Landessprache zum Aufschwung. Der Reformator Primus Truber gilt als Begründer des slowenischen Schrifttums. Ebenso wird der Reformator Mikael Agricola, ein Schüler Luthers, als Vater der finnischen Literatur angesehen.

Daher verdienen die Bestrebungen der evangelischen Kirche Anerkennung, den Reformationstag wieder stärker ins Bewußtsein zu rufen. Grundsätzlich ist es gut, den Reformationstag gegen die feindliche Übernahme durch Halloween zu verteidigen. Allerdings darf man dabei nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, indem man die Nebelwerfer des kommerzialisierten Halloween-Festes übernimmt. Dazu gehört eben auch die Verdrängung der deutschen Sprache durch Amerikanismen und das Nachäffen der Werbesprache.

„95 Statements“ in der „Luther-Lounge“

Mit der „Church Night“ zahlt das Evangelische Jugendwerk in Württemberg seit 2006 Ablaß an den Zeitgeist. „Kampflos wollen wir diesen bedeutungsvollen Termin nicht Halloween überlassen. Wir haben schließlich die älteren Rechte“ meint „Church-Night-Projektleiterin“ Angela Schwarz. So gibt es deutschlandweit Hunderte Church-Night-Veranstaltungen. In Neuendettelsau zum Beispiel sind heute „Newcomer on stage“.

Es findet dort ein Jugendgottesdienst „Deutschland sucht den Superchrist“ statt, mit „Open stage für junge Talente“ und einem „Ska-Konzert mit ‚Good weather forecast‘.“ In Ludwigshafen öffnet eine „Luther-Lounge“. In Oldenburg gibt es die Aktion „95 Statements zu unserer Kirche“ mit Lagerfeuer und Stockbrot, „Chaitee und Sing & Praise“. In Calw können sich Jugendliche vom Kirchturm der Stadtkirche abseilen und am Spiel „Martin`s Mystery“ teilnehmen.

Es geht auch anders: Lutherbonbons

Die 80. der 95 Thesen Luthers, die dieser am 31. Oktober 1517 an der Wittenberger Schloßkirche befestigte, lautete: „Bischöfe, Pfarrer und Theologen, die dulden, daß man dem Volk solche Predigt bietet, werden dafür Rechenschaft ablegen müssen.“

Es geht aber auch anders. Früher habe ich mich über das abendliche Klingeln der um Süßigkeiten bettelnden Kinder geärgert. Dann erfuhr ich von der Aktion „Lutherbonbon“ der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. So habe ich mich auch in diesem Jahr wieder mit Lutherbonbons eingedeckt, um auf diese Weise den Kindern die Reformation ein bißchen näherzubringen. „Klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Lukas 11, 9)

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