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„Die Vernichtung des Westens“

interviewpartner
Timo Vihavainen Foto: Privat

Herr Professor Vihavainen, der renommierte US-Journalist Christopher Caldwell, unter anderem Kolumnist der „Financial Times“, hat ein aufsehenerregendes Buch über das – wie er bilanziert – Desaster der Massenzuwanderung nach Europa geschrieben. Haben Sie davon gehört? 

Vihavainen: Nein, aber das wundert mich gar nicht, denn Kritik an der Einwanderung unterliegt meist einem Tabu. Es ist einfach nicht opportun, ein Buch wie das Caldwells publik zu machen. Oder nehmen Sie zum Beispiel das neue Buch des deutsch-amerikanischen Historikers Walter Laqueur „Die letzten Tage von Europa“, es ist ausgesprochen kritisch gegenüber muslimischer Einwanderung.

In Finnland – obwohl es in Übersetzung vorliegt – gibt es noch keine nennenswerten Besprechungen des Titels. Allerdings glaube ich, daß in diesem Fall doch noch ein paar Rezensionen folgen werden, denn Laqueur ist einfach zu bekannt und zu etabliert, um ihn totzuschweigen.  

Sie haben mit Ihrem jüngsten Buch „Die Vernichtung des Westens“ in Ihrem eigenen Land eine Debatte angestoßen. 

Vihavainen: Ja, in meinem Fall kann ich mich nicht beklagen, es gab nicht nur eine Debatte, sie wurde sogar überwiegend fair geführt. In Finnland ist die Situation noch nicht so tabuisiert wie etwa – nach allem, was man hört – zum Beispiel in Deutschland. Dazu kommt, daß ich als Professor der Universität Helsinki und Mitglied der Finnischen Akademie der Wissenschaften und Schönen Künste den Vorteil habe, von einer etablierten Basis aus zu operieren.

Außerdem ist die Einwanderung nur ein Aspekt, den ich in meinem Buch behandle, eigentlich geht es um den Abstieg des Westens an sich. Dabei allerdings spielt die Einwanderung eine große Rolle. Doch mein grundsätzlicherer Ansatz hat es denen, die versucht haben, mein Buch zu bekämpfen, schwer gemacht, es einfach als „ausländerfeindlich“ zu diffamieren. 

„Einwanderung ist Folge unserer Selbstaufgabe“

Warum droht „die Vernichtung des Westens“?

Vihavainen: Es ist ein Mißverständnis zu glauben, daß die Masseneinwanderung an sich zur Vernichtung des Westens führen würde. Sie ist vielmehr eine Folge unserer Selbstaufgabe. Es geht mir darum, aufzuzeigen, wie groß und wie tief verwurzelt die Gefahr tatsächlich ist, daß nämlich unsere Kultur verfällt. Damit allerdings sind wir natürlich Herausforderungen von außen wie etwa die Einwanderung so preisgegeben wie eine sturmreife Festung.

Der Kern des Problems ist, daß wir Europäer unsere Tugenden verloren haben, indem wir unsere Kultur durch eine Zivilisation des Konsums ersetzt haben. Was meine ich mit Kultur? Kultur ist das Bestreben einer Gesellschaft nach dem „Wahren, Schönen und Guten“, wie man bei Ihnen in Deutschland sagt. Dieses über uns selbst hinausweisende Streben wurde in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg durch eine narzißtische und nihilistische Haltung ersetzt, die alles nur nach dem eigenen Nutzen und Genuß beurteilt.

Folge dessen ist auch der Verlust des Interesses am Fortbestand unseres Gemeinwesens. Folglich erreichen viele europäische Völker bereits nicht mehr die reproduktive Geburtenrate. Das ist dann, historisch betrachtet, der Weg in den Untergang. Der Westen hat sich sein eigenes Grab geschaufelt, in das er nun ganz langsam hineinsinkt.

Einwanderung ist also nur ein Symptom?

Vihavainen: Ja, sie ist Folge des Verlusts unseres Realitätssinns, unseres Desinteresse am Politischen und der Vorstellung, es ginge nur darum, daß jeder einzelne sich selbst verwirklicht. Einwanderer werden ja meist nicht unter dem Blickwinkel gesehen, was sie für unsere Gesellschaft bedeuten, sondern daß jedes Individuum das Recht habe, an jedem Ort der Erde sein Glück zu machen. Wie könnte man es den Einwanderern also verwehren, in Europa ihr Glück zu machen?

„Die Einwanderer beginnen uns ihre Werte zu diktieren“

Wohin führt dieser Prozeß?

Vihavainen: Am Ende schließt sich der Kreis: Die Einwanderer beginnen uns ihre Werte zu diktieren statt andersherum. Wer sich mit der Geschichte der Einwanderung beschäftigt, der stellt fest, daß sich die erste Generation immun gegen die Übernahme unserer Werte zeigte.

Wer glaubte, dies sei bereits ein Problem, der steht erst recht sprachlos vor der zweiten Generation, die sich nicht nur passiv-immun zeigt, sondern zunehmend offensiv, ja aggressiv. Dazu kommen die Zahlen: Die Europäer werden immer weniger und immer älter. Ein Viertel ist bereits über sechzig Jahre alt. In einigen europäischen Ländern beträgt der Anteil der Zuwanderer bereits etwa 25 Prozent.

Schon Mitte des 21. Jahrhunderts werden die wichtigsten europäischen Länder einen Einwandereranteil von zwanzig bis dreißig Prozent haben. Ein Land wie Großbritannien hat heute zwei bis drei Millionen Einwanderer bzw. Nachkommen von Einwanderern, bei sechzig Millionen Einwohnern insgesamt.

Wächst die Zahl der Einwanderer auf der Insel im gleichen Maße wie bisher, werden es bis 2050 ca. 16 Millionen sein. Selbst bei einem sofortigen vollkommenen Einwanderungsstopp würde die Zahl bis dahin immerhin noch wie von alleine auf sieben Millionen steigen.

Laut Caldwell leben inzwischen zwanzig Millionen Muslime in Europa, davon fünf Millionen in Frankreich, knapp vier Millionen in Deutschland und etwa zwei Millionen in Großbritannien.

Vihavainen: Zweifellos ist die Masseneinwanderung von Muslimen ein besonderes Problem, aber es ist nicht so, daß nur diese uns Sorgen machen muß. Einwanderung ist grundsätzlich ein Problem, wenn die Zahlen zu hoch sind. Wäre etwa die Zahl der Russen in Finnland exorbitant hoch, würden auch sie Probleme verursachen, zumal Moskau nicht davor zurückschreckt, sie als politisches Werkzeug zu benutzen.

Und selbst wenn wir in Finnland zum Beispiel zwei Millionen sympathische Franzosen als Einwanderer hätten – Finnland hat 5,3 Millionen Einwohner insgesamt –, wäre diese Zahl ein Problem. Natürlich, bei der moslemischen Einwanderung kommt hinzu, daß diese Kultur an sich Sprengstoff birgt:

Ich mache das gerne mit folgendem Bild deutlich: Im Grunde befindet sich der Islam noch im Mittelalter, nach islamischer Zeitrechnung haben wir das Jahr 1430. 

Die Tageszeitung „Helsingin Sanomat“ kritisiert Sie mit dem Einwand: „Der Islam ist nicht aggressiver als jede andere Religion.“ 

Vihavainen: Über solche Einwände kann ich mich nur wundern. Sind diese Leute blind? Schauen Sie sich doch um, und Sie werden feststellen, daß das leider nicht stimmt. Das sagen die aus politischer Korrektheit heraus. Da wird dann in Islam und Islamismus geschieden, als ob man das einfach voneinander trennen könnte. Damit beruhigen sich jene, die der Realität nicht  ins Gesicht sehen wollen.

Übrigens haben wir in Finnland etwa eintausend Tataren, deren Vorfahren zwischen 1870 und 1920 nach Finnland kamen und die heute eine anerkannte nationale Minderheit muslimischen Glaubens sind. Aber nicht einmal sie sind glücklich über die aktuelle muslimische Zuwanderung nach Europa!

„Demokratie ist keine Staatsform, die wirklich gut funktioniert“

Caldwell begreift die Massenzuwanderung als eine Revolution, die Europa ebenso fundamental verändern wird wie die Französische Revolution von 1789.

Vihavainen: Da mag er recht haben. Die Französische Revolution bedeutet tatsächlich einen fundamentalen Einschnitt für die europäische Geschichte, denn danach war nichts mehr wie zuvor. Chaos, Kriege und Verwirrung waren die Folge, und die Verhältnisse, wie man sie bis dahin kannte, überlebten nicht.

Die Einwanderung könnte durchaus zu einem ebenso fundamentalen Einschnitt führen. Schon in den letzten zwanzig Jahren hat Europa durch sie sein Gesicht massiv verändert.  

Massenzuwanderung wird von der überwiegenden Mehrheit der Europäer abgelehnt. Da wir in Demokratien leben, sollte man meinen, sie wäre also politisch nicht durchsetzbar. Wieso erweist sich das als historischer Irrtum?

Vihavainen: Die Einwanderung findet ja als schleichender Prozeß statt. Der Wähler bekommt nie die ganze Wahrheit auf den Tisch. Das funktioniert nach der Salamitaktik: Mal heißt es, wir brauchen noch 40.000 Einwanderer, um den Engpaß in dieser oder jener Berufsgruppe zu schließen, oder wir brauchen Zuwanderer, um unser Sozialsystem zu stabilisieren.

Kein Argument ist zu fadenscheinig. Im übrigen, das darf ich Ihnen als Historiker sagen: Demokratie ist keine Staatsform, die wirklich gut funktioniert. Das wußten schon Aristoteles. Sicher ist sie auch kein Übel, aber wir tun mitunter so, als sei sie das Heil schlechthin. Dementsprechend sind unsere Erwartungen, die die Demokratie dann gar nicht erfüllen kann. Wir sollten sie realistischer sehen.

Caldwell geht davon aus, daß es bereits zu spät ist, die Revolution noch aufzuhalten. 

Vihavainen: Er könnte auch damit recht haben, aber ich meine, es ist auf keinen Fall zu spät, es nicht wenigstens zu versuchen. Voraussetzung ist allerdings – und da bin ich wieder bei meinem Ausgangspunkt –, daß wir Europäer zu unseren ursprünglichen Werten zurückfinden. Unsere gesellschaftliche und politische Kultur muß sich zuvor ändern.  

Sie sind einer von ganz wenigen europäischen Intellektuellen, die sich trauen, offen und frontal die Einwanderung zu kritisieren. Warum wagen Sie dies? Und warum gibt es nur so wenige Intellektuelle, die es Ihnen gleichtun?

Vihavainen: Nun, ich bin 62, ich habe meine Ziele erreicht, und meine Pension ist mir sicher. Ich kann aber verstehen, daß Leute, die beruflich abhängiger sind als ich, sich das gleiche nicht trauen. Ich erinnere mich, als in Frankreich 1997 das „Schwarzbuch des Kommunismus“ erschien, wurde der Autor Stéphane Courtois gefragt, warum das Buch erst Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erscheine.

Seine Antwort: Es früher zu publizieren, wäre gesellschaftlichem Selbstmord gleichgekommen, denn die französischen Intellektuellen hätten ihn in der Luft zerrissen! Deshalb blicke ich auch nicht ohne Hoffnung in die Zukunft. Vergleichen Sie die Diskussion doch nur mit der vor zehn Jahren.

Denken Sie aktuell etwa an den Fall des früheren SPD-Politikers Thilo Sarrazin bei Ihnen in Deutschland. Die Kritiker werden immer mehr und die Macht der Political Correctness, solche Debatten zu verhindern, immer geringer. Der Wind dreht sich in Europa. 

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Prof. Dr. Timo Vihavainen gehört zu den wenigen etablierten Einwanderungskritikern in Europa. Mit seinem eben in Finnland erschienenen Buch „Die Vernichtung des Westens“ („Länsimaiden Tuho“) schließt der Philosoph und Historiker der Universität Helsinki an das „beunruhigende und exzellente“ Buch (Die Welt) des US-Journalisten und Einwanderungskritikers Christopher Caldwell „Betrachtungen über die Revolution in Europa“ an.

In seinem Heimatland hat der 62jährige Vihavainen, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, eine breite Diskussion angestoßen. Finnische Intellektuelle begrüßten öffentlich die Enttabuisierung der Debatte durch Vihavainen. 

JF 45/09

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