Aufstand der Enterbten

Nun sei also die Verbindung zum Mittelalter abgerissen, konstatierte Ernst Jünger im Angesicht der noch in den letzten Kriegsmonaten mit hektischer Systematik durch anglo-amerikanische Bomberflotten angezündeten deutschen Stadtkerne.

Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß dieses Vernichtungswerk, das sich eher an den technischen Möglichkeiten und der Brennbarkeit der ins Visier genommenen Städte orientierte als an militärischen Notwendigkeiten, letztlich darauf zielte, den Besiegten ihr kollektives Gedächtnis zu nehmen und ihr kulturelles Rückgrat zu brechen.

So verwundert es denn auch nicht, daß die Verwüstung von den wiederaufbauenden und wirtschaftsbewunderten Umerzogenen in eigener Regie und mit teutonischer Gründlichkeit weiterbetrieben wurde. Die „zweite Zerstörung“, die der Münchner Architekt und Denkmalpfleger Erwin Schleich im Wiederaufbau seiner Heimatstadt – ungeachtet seiner eigenen verdienstvollen Beiträge – ausgemacht hat, sie hat vielen deutschen Metropolen tiefere Narben geschlagen als die Kriegszerstörung selbst, und sie wütet nach wie vor.

Stuttgarts Bahnhof droht der Abriß

Baden-Württembergs Landeshauptstadt Stuttgart, die unter Bombenterror und Wiederaufbau doppelt gelitten hat, könnte als nächstes herausragendes Architekturdenkmal ihren Hauptbahnhof verlieren. Das Projekt „Stuttgart 21“, das aus dem Kopfbahnhof einen Durchgangs-Tunnelbahnhof machen soll, will trotz internationaler Architekten-Proteste von dem eindrucksvollen Zeugnis moderner Industriearchitektur nur noch den mächtigen Rumpf übriglassen.

Noch in diesem Jahr sollen die Bagger anrollen. Daß ein leibhaftiger Oberbürgermeister den Bau für „überschätzt“ hält und die trotz ihrer Baumasse elegant mit Risaliten gegliederten Seitenflügel, die dem Ensemble erst die Balance verleihen, als „entbehrlich“ bewertet, weil diese damals ja doch nur zur Abschirmung des Dampflok-Rußes eingeplant worden seien, sagt mehr über das Elend deutschen Städteplanens als manche lange Abhandlung.

Die ort- und gedächtnislose Maxime Profit vor Kulturerbe gilt keineswegs nicht nur in Großstädten, sondern auch in der „Provinz“, wo in den Kleinstädten und regionalen Hauptorten vieles, auch in geschlossenem Ensemble, dem Vernichtungseifer der Befreier vom historischen Erbe entgangen ist. Was die Bomber vergessen oder als zu klein übergangen haben, schaffen jetzt die „Investoren“.

Barockhäuser müssen „Seniorenresidenz“ weichen

Im FAZ-Feuilleton vom 5. August schildert Diethart Kerbs eine Episode aus dem Eroberungskrieg der Investoren gegen die historischen Stadtkerne, in diesem Fall den von Bad Mergentheim. Das älteste Wirtshaus der Deutschordensstadt, der über dreihundert Jahre alte „Grüne Baum“, in dem 1791 Beethoven nächtigte, wurde mit zwei weiteren intakten barocken Bürgerhäusern Anfang des Jahres abgerissen, um einer „Seniorenresidenz“ Platz zu machen. Bauherr: Die „Residenz Taubertal GmbH“ , die das Wappen derer von Stetten im Logo führt. Wolfgang Freiherr von Stetten – ja, der vom Studienzentrum Weikersheim – verspricht „Wohnen mit Qualität und Niveau“ in von seinem eigenen Wirken bedrohten „malerischen Gassen“.

Auch meine Geburtsstadt Eichstätt begeht in diesem Monat ein unrühmliches Jubiläum. Vor zwanzig Jahren, am 28. August 1989, begann der Abriß des 1355 errichteten Geburtshauses des Humanisten Willibald Pirckheimer und des Nachbargebäudes – zwei der wenigen gotischen Bürgerhäuser, die nach dem Niederbrennen der Stadt durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg in der barocken Bischofsresidenz noch übriggeblieben waren. Oberbürgermeister, Landrat und Landtagsabgeordneter, alle CSU natürlich, ebneten der Kapitalanleger-Bauherrengemeinschaft gegen den erbitterten Widerstand der Landesdenkmalschützer alle Wege.

Unbeliebte Denkmalschützer

Barbareien wie der Eichstätter Abrißfeldzug der Achtziger, der im Niederlegen des Pirckheimer-Hauses gipfelte, haben nicht nur ein ums andere Mal Unionspolitiker als gesinnungslose Scheinkonservative entlarvt, sondern vielerorts den Sinn für die Bewahrung des architektonischen Erbes überhaupt erst wieder geweckt. Im Aufstand der Enterbten gegen den Verwüstungsfeldzug der Investoren stehen Bürger und Denkmalschützer oft über alle Lager hinweg gegen ignorante Politiker und skrupellose Profitmaximierer.

Der Kampf ums kulturelle Erbe, der konservativ Gesinnte jenseits der üblichen Links-Rechts-Einteilungen zusammenführen und Identität stiften kann, ist durchaus nicht aussichtslos und des Schweißes der Besten wert. Schließlich ist Denkmalschutz immer auch Verteidigung eines Stücks nationalen Eigenbewußtseins – deswegen wohl sind Denkmalschützer bei Politikern jeder Ebene so unbeliebt.

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