Arminius und der Anti-Dichter

Klotzen, nicht kleckern – kaum ein Werk ist damit so treffend beschrieben, wie das von Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1685). Der Andreas-Gryphius-Schüler aus Breslau – literaturgeschichtlich zusammen mit Christian H. von Hofmannswaldau der „zweiten schlesischen Schule“ zugehörig – kann getrost als der Cecil B. de Mille des Barock gelten. Inhaltlich wie formal.

Das verrät schon ein Blick auf die endlosen Besetzungslisten seiner Versdramen, die sich in Blutrausch und Eros wälzen. Als „bombastischster Dichter“ (E. Arnold) seiner Epoche war er zu Lebzeiten hochgefeiert, aber schon wenige Generationen später zum Anti-Dichter degradiert. Sein Pathos galt nur noch als „Trash“. Erst der Ethno-Poet Hubert Fichte (1936-1986) hat ihn in zahlreichen Studien rehabilitiert und mehrere seiner Dramen bearbeitet. Das dürfte kaum überraschen. War Fichte doch selbst lebenslang auf der Suche nach ekstatischem Übermaß, das er zuerst im Hamburger Underground und später in den afroamerikanischen Ekstasenkulten suchte.

Afrika ist auch der Schauplatz zweier Lohenstein-Tragödien: „Cleopatra“ und „Sophonisbe“. Hier wie in „Agrippina“ steht die Kriegs- und Weltmacht Rom dem Wilden, Exotischen, Weiblichen gegenüber. Der Zusammenprall mächtiger Königinnen und römischer Cäsaren treibt beide Seiten in destruktiven Wahn. Konnte es da ausbleiben, daß Lohenstein die Römer auch gegen wilde Germanen losließ?

Geschichte und kosmisches Geschehen

Tatsächlich beschloß der Dichter sein kurzes Leben mit dem Roman „Großmüthiger Feldherr Arminius oder Herrmann, Als Ein tapfferer Beschirmer der deutschen Freyheit / Nebst seiner Durchlauchtigen Thußnelda  In einer sinnreichen Staats- Liebes- und Helden-Geschichte Dem Vaterlande zu Theilen vorgestellet“. Ein literarisches Monster von 3.000 Seiten. Da der 49jährige Autor und Syndikus –  noch vor der Drucklegung – einem Schlaganfall erlag, ist umstritten, ob sein Sohn Johann Casper von Lohenstein nur als Herausgeber fungierte oder seinerseits in den Text eingegriffen hat. ?

Lohensteins „Arminius“ ist mehr als ein historischer Roman. Er ist politische Parabel, der Titelheld eine Schlüsselfigur für Leopold I., den Lohenstein zuvor mit Hymnen bedacht hat. Jener Kaiser, der seinerzeit Österreich in den Rang einer Großmacht erhob. Aber damit nicht genug, verknüpft der Autor zudem Geschichte und kosmisches Geschehen. „Arminius“ ist eine Enzyklopädie allen damaligen Wissens. Jede Episode, jedes Geschehen wurde randvoll mit Fakten und Reflexionen angereichert. Unzählige Handlungsstränge preschen bis zur Gegenwart vor und wieder zurück, schneiden und verknüpfen sich untereinander. Ein Panoramaschwenk über Geschichte, Natur und Metaphysik. Eine literarische Kosmologie. Zugleich aber Dichtung, die nicht der historischen, sondern der „poetischen Wahrheit“ verpflichtet ist.?

Gleich im ersten Buch präsentiert Lohenstein die Schlacht im Teutoburger Wald. Neben Hermann ist es wieder eine martialische Frau, an der römische Soldaten sich die Zähne ausbeißen: Fürstin Ismene. Sie gilt als „großmüthige Heldin / dem Feinde stets die Stirne bot / und denen weichenden Deutschen verächtlich zurieff: Ob sie ein Bienenschwarm wären / welche vom Rauche vertrieben würden?“ Schon bald wird „diese Heldin zu grosser Freude des gantzen Heeres zum Feldherrn“ ernannt.

Goldenes Zeitalter unter Herzog Hermann

Aber selbst der Freiheitskampf des Arminius steht im Kosmos des Tragöden unter dem „Verhängnis“. Einer Schicksalsmacht, die sogar den Einfluß der Gestirne überbietet. Nur durch sie läßt sich der Kampf gewinnen. Und sie steht, wie es scheint, auf Seiten des Arminius: Während Regen und „noch schrecklichern Sturmwinde“, zahlreiche Bäume zum Umsturz bringen und damit „viel hundert ihrer Feinde erbärmlich zerschmettert“ haben, können die Germanen ungehindert ins Lager der Römer dringen.

Aber Lohenstein ist zu sehr Dramatiker, um ein einseitiges Hurra-Epos abzuliefern. Auch die Krieger des Arminius tragen bestialische Züge, wenn sie die durch Verletzungen wehrlos gewordenen Feinde nach der Schlacht massakrieren: „Ja es ward gleichsam für eine grosse Schande gehalten / wenn einer nicht einen abgehauenen Feindes-Kopf für die Füsse seines Obristen niederzulegen hatte; also hin und wieder Berge von blutigen Menschenköpffen zu schauen waren.“ Viele tausend Seiten später endet die Handlung im Anbruch eines goldenen Zeitalters unter dem Herzog Hermann.

Von allen literarischen Bearbeitungen der Hermannschlacht ist eigentlich nur Kleists Dramatisierung dem Vergessen entkommen. Wenn man anläßlich des zweitausendjährigen Jubiläums dieses historischen Ereignisses für die Wiederentdeckung Lohensteins werben möchte, stößt man auf ein Problem: Keine einzige Druckausgabe des Romans ist derzeit im Handel. Aber man kann ihn im Internet komplett herunterladen.?

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