Alles Tschällensch

Es gibt Begriffe, die sensible Menschen wie mich in den Wahnsinn treiben. Schon beim Hören würde ich am liebsten – abhängig von meiner Tagesform – entweder denjenigen, der sie ausspricht, übel beschimpfen, oder selbst in ein bitteres Weinen ausbrechen.

So wie gestern. Als ich von meiner harten Arbeit erschöpft nach Hause fuhr, wurde ich im Zug gemartert. Unfreiwillig durfte ich Zeuge eines in beträchtlicher Lautstärke vorgetragenen Gesprächs werden. Zwei männliche Jugendliche, nach äußerem Schein um die 18 Jahre alt und mit südosteuropäischem Migrationshintergrund, unterhielten sich in ihrem jugendlichen Soziolekt: „Weisch Du, am Weekend han i a echte tschällensch…“.

Inflationäre Verwendung

Da war es wieder. Eines meiner Haßworte. „Tschällensch“ (oder auf englisch richtig geschrieben „Challenge“), zu deutsch: Herausforderung. Warum ist mittlerweile alles eine „Tschällensch“? Woher kommt die inflationäre Verwendung solcher Worte?

Jeder Depp im „Big-Brother“-Container faselt von einer „Tschällensch“, wenn er die Frage nach der Hauptstadt von Italien richtig beantworten soll, bekennende Kettenraucher halten es für eine „Tschällensch“, wenn sie 500 Meter zum nächsten Kippenautomaten laufen müssen und faule Studenten, die voller Ernst eine Klausur ohne Lernaufwand bestehen wollen, bezeichnen das auch noch als „Tschällensch“.

Schuhe zuzubinden, zwei Stunden am Stück das Wasser zu halten und ohne Fehler bis drei zählen zu können – alles ist „Tschällensch“. Nun, es ist ja nicht so, daß es keine Herausforderungen gibt. Einen hohen Berg zu besteigen, den Pilotenschein zu machen oder ein Kind zu einem ordentlichen Menschen zu erziehen, verdient ja durchaus die Bezeichnung „Herausforderung“.

Alltägliche Verrichtungen schon herausfordernd

Muß den aber bitte jede kleinste Anstrengung eine „Tschällensch“ sein? Sind wird schon so verweichlicht und degeneriert, daß kleinste alltägliche Verrichtungen schon herausfordernd sind?

Und außerdem. Alle die dauernd und leichtfertig von „Challenge“ reden, sollen sich am besten mal überlegen, was mit der gleichnamigen Raumfähre passiert ist.

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