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Material für die Streitkräfte: Wird die Bundeswehr pragmatisch, ist die Aufregung groß

Material für die Streitkräfte: Wird die Bundeswehr pragmatisch, ist die Aufregung groß

Material für die Streitkräfte: Wird die Bundeswehr pragmatisch, ist die Aufregung groß

Auslaufmodell Pistole P8: Die Bundeswehr hat eine pragmatische neue Lösung gefunden (Archivbild).
Auslaufmodell Pistole P8: Die Bundeswehr hat eine pragmatische neue Lösung gefunden (Archivbild).
Auslaufmodell Pistole P8: Die Bundeswehr hat eine pragmatische neue Lösung gefunden (Archivbild). Foto: picture alliance / Ulrich Baumgarten | Ulrich Baumgarten
Material für die Streitkräfte
 

Wird die Bundeswehr pragmatisch, ist die Aufregung groß

Die Bundeswehr kann es den Möchtegerngenerälen nicht recht machen. Nun entdeckt sie endlich den Pragmatismus in Waffenfragen für sich, und schon ist die Aufregung groß. Doch Aufrüstung ist keine patriotische Symbolpolitik. Ein Kommentar von Ferdinand Vogel.
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Die Bundeswehr rüstet auf. Nach Jahrzehnten des Kaputtsparens, der Substanzabnutzung und der politischen Verdrängung ist das nicht nur richtig, sondern zwingend notwendig. Wer heute noch so tut, als sei militärische Landes- und Bündnisverteidigung ein optionales Hobby, hat die sicherheitspolitische Realität Europas nicht verstanden. Material, Munition, Fahrzeuge, persönliche Ausrüstung sind Dinge, die stiefmütterlich schleifen gelassen wurden, und das über viele Jahrzehnte. Überall wurde zu lange verschoben, gestreckt, kleingeredet, genüßlich die Friedensdividende einkassiert. Daß nun investiert wird, ist überfällig. Umso bemerkenswerter ist, woran sich die öffentliche Empörung jetzt entzündet: an einer Dienstpistole.

Ausgerechnet die Entscheidung der Bundeswehr, die jahrzehntealte P8 von Heckler & Koch durch ein neues Modell zu ersetzen, wird derzeit von Teilen der Boulevardpresse und einigen meinungsstarken Akteuren als industriepolitischer Affront inszeniert. Besonders lautstark empört sich bild.de, flankiert von Nius-Chef und Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt. Der Vorwurf: Die Bundeswehr habe keine deutsche Waffenschmiede berücksichtigt, sondern sich für eine Pistole aus Tschechien entschieden. Ein angeblicher Ausverkauf nationaler Interessen. Im Topf der Empörung läßt sich mit diesem Vorwurf gut herumrühren.

Zunächst zu den Fakten: Die Bundeswehr ersetzt ihre bisherige Standarddienstpistole P8 durch die neue P13, basierend auf der CZ P-10 C des tschechischen Herstellers Česká zbrojovka. Kaliber 9×19, 15-Schuß-Magazin, kompakte Bauform, vorbereitet für Rotpunktvisiere, gefertigt vollständig in Tschechien. Beschafft im Rahmen einer internationalen Ausschreibung, an der unter anderem auch Glock aus Österreich und Arex aus Slowenien beteiligt waren. Deutsche Hersteller wie Heckler & Koch oder Walther kamen in der Endauswahl nicht zum Zug. Der Rahmenvertrag umfaßt bis zu 203.000 Pistolen bei einem Gesamtvolumen von rund 56 Millionen Euro. Umgerechnet liegt der Stückpreis, also inklusive Wartung, Garantie und Rahmenleistungen, bei etwa 300 bis 320 Euro. Das ist, gemessen an heutigen Rüstungsprojekten, fast schon irritierend bodenständig und günstig.

Bundeswehr wählt pragmatische Lösung

Und genau hier liegt der eigentliche Punkt. Die Bundeswehr hat sich in diesem Fall bewußt nicht für eine Goldrandlösung entschieden, wie zuvor bei vielen Beschaffungen. Sie hat nicht das technisch maximal Mögliche, nicht das nationalpolitisch Symbolträchtigste, sondern das wirtschaftlich Sinnvolle beschafft, unter der Voraussetzung, daß alle militärischen Anforderungen erfüllt sind. Der Preis war das ausschlaggebende Kriterium. Nicht Image, nicht Industriepolitik, nicht nationale Befindlichkeit, sondern einfach nur der Preis für eine Sekundärwaffe, die eben gut genug ist.

Das ist erfrischend neu für ein Beschaffungsamt der Bundeswehr, das ansonsten den Ruf hat, Projekte über Jahrzehnte zu verschlimmbessern, hundertfache Modifikationen vom Hersteller anzufordern für das „perfekte“ Gerät – egal, was es ist.

Den nationalen Notstand auszurufen, weil Heckler & Koch beim Pistolendeal leer ausgegangen ist, ist unnötig, zumal H&K die neue Ordonnanzwaffe, das G95, für die Truppe produzieren wird. Die deutsche Rüstungsindustrie ist in den vergangenen Jahren alles andere als leer ausgegangen. Großaufträge für Kampfpanzer, Schützenpanzer, Artillerie, Luftverteidigung, Munition, Logistik und vieles mehr stehen in den Büchern. Die deutschen Hersteller profitieren massiv vom sicherheitspolitischen Kurswechsel. Niemand kann ernsthaft behaupten, Heckler & Koch oder andere Firmen würden systematisch benachteiligt. Im Gegenteil.

Der Soldat schätzt simple Lösungen

Gerade deshalb wirkt es befremdlich, ausgerechnet bei einer Pistole einen industriepolitischen Kulturkampf auszurufen. Eine Dienstpistole ist keine strategische Schlüsseltechnologie. Sie entscheidet keine Schlachten. Sie ist keine unmittelbare Gefechtswaffe, sondern eine Rückversicherung für Offiziere, Besatzungen, Sicherungskräfte, Feldjäger, Personal im rückwärtigen Raum. Für Situationen, in denen ein Gewehr nicht geführt wird oder ausfällt. Genau deshalb wird die P13 querschnittlich eingeführt, truppengattungsübergreifend, standardisiert, ohne Variantenvielfalt. Einfach, schnell, günstig und laut Tests gut genug.

Diese Entscheidung ist bemerkenswert. Man hätte problemlos unterschiedliche Größen beschaffen können: Fullsize für Infanterie, kompakt für Besatzungen, subkompakt für Piloten. Das wäre militärisch feinjustierter gewesen, eben ein Dutzend Spezialvarianten- und Extralösungen. Aber das wäre eben deutlich teurer, komplexer und logistisch aufwendiger geworden. Die Bundeswehr verzichtet bewußt darauf. Sie setzt auf Vereinheitlichung, Skaleneffekte, Ausbildungserleichterung. Das wäre ein Fortschritt, wie man im Übrigen auch im Ukrainekrieg im realen Szenario sieht. Genutzt wird von Soldaten am liebsten das, was einfach ist, gut funktioniert und verfügbar bleibt. Arbeitsstiere eben.

Beschaffung braucht keine Symbolpolitik

Hätte man bei einem deutschen Hersteller bestellt, wäre ein Teil des Geldes über Steuern, Arbeitsplätze und Wertschöpfung zurückgeflossen. Das ist korrekt. Aber es ist nicht die Aufgabe der Bundeswehr, Industriepolitik zu betreiben. Sie ist kein Konjunkturprogramm in Tarnfleck. Ihre Aufgabe ist es, die Truppe einsatzfähig auszustatten – effizient, sicher, bedarfsgerecht. Aber es ist auch nicht von der Hand zu weisen, daß Tschechien zuvor eine größere Menge neuer Leopard-2-Panzer in Deutschland bestellt hat – eine Hand wäscht hier womöglich die andere.

Gerade im Kontext der „Zeitenwende“ wäre es fatal, jeden Beschaffungsvorgang wieder mit Symbolpolitik zu überfrachten. Die Bundeswehr hat ein strukturelles Problem: zu wenig Material, zu wenig Reserve, zu wenig Tempo. Dieses Problem löst man nicht, indem man bei jeder Schraube fragt, ob sie auch patriotisch genug ist. Zumal das Internet derzeit im Sturm der Memes genommen wird mit etwaigen Botschaften und Augenzwinkern wie: „Endlich, tschechische Waffenschmieden produzieren wieder für Deutschland“.

Die Entscheidung für die P13 zeigt im Gegenteil etwas Positives: Die Bundeswehr beginnt, sich wie eine normale Armee zu verhalten. Sie beschafft, was sie braucht, nicht, was politisch am lautesten beklatscht wird. Wäre das bei Großprojekten auch so, wäre diese Armee vielleicht materiell schon etwas weiter.

Auslaufmodell Pistole P8: Die Bundeswehr hat eine pragmatische neue Lösung gefunden (Archivbild). Foto: picture alliance / Ulrich Baumgarten | Ulrich Baumgarten
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