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Ukraine-Krieg, Martenstein, Pirinçci: Kaisers royaler Wochenrückblick

Ukraine-Krieg, Martenstein, Pirinçci: Kaisers royaler Wochenrückblick

Ukraine-Krieg, Martenstein, Pirinçci: Kaisers royaler Wochenrückblick

Vorhang auf für Kaisers Wochenrückblick Foto: picture alliance/imageBROKER / JF-Montage
Vorhang auf für Kaisers Wochenrückblick Foto: picture alliance/imageBROKER / JF-Montage
Vorhang auf für Kaisers Wochenrückblick Foto: picture alliance/imageBROKER / JF-Montage
Ukraine-Krieg, Martenstein, Pirinçci
 

Kaisers royaler Wochenrückblick

Stell dir vor, es ist Krieg, und jeder ist ein Kriegsexperte. In den sozialen Netzwerken scheint genau das gerade der Fall zu sein. Spätestens seit der Ukraine-Konflikt durch den Angriff der russischen Truppen in dieser Woche eine völlig neue Eskalationsstufe erreicht hat, äußert sich auf Twitter und Co. jedermann und seine Mutter zu der Situation in Osteuropa. Besonders faszinierend dabei ist, wie schnell Menschen, deren geopolitischer Horizont sonst bis maximal knapp hinter Spandau reicht, offenbar in der Lage waren, sich ein tiefenscharfes Bild von der selbst für langjährige Beobachter hochkomplexen und schwer zu erklärenden Lage zu machen.

Für die großen Mitfühler und Alles-Wisser in den sozialen Medien sieht die Sache deutlich einfacher aus. Dementsprechend schnell und eindeutig waren all diese autodidaktischen Kriegsexperten auch in der Lage, sich zu positionieren. Wobei die Stimmung bei den Kommentatoren im Netz zwischen Angst und euphorischer Unterstützung für jeweils eine der beiden Seiten hin und her schwankt. Was für ein Schock muß all das für jene von Frieden und Wohlstand verblendete Generation sein, die sich ernsthaft Sorgen gemacht hat, Donald Trump könne mit einem Tweet den Dritten Weltkrieg auslösen; und die sich wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen kann, wie die ersten beiden Weltkriege ohne Twitter überhaupt funktionieren konnten.

Die Aufregung über den Krieg wirkt irgendwie banal

Die Empörung der Netzgemeinde ist groß. Sehr groß. Trotzdem wirkt die Aufregung über den Krieg in all ihrer Emotionalität irgendwie banal. Auch weil sie einem, im Zeitalter der Dauerempörung, so komisch vertraut vorkommt. Wenn sich Leute in der gleichen Aufgeregtheit über einen Krieg äußern, in der sie sich sonst über vermeintlich rassistische Süßspeisen oder die Witze von Dieter Nuhr entrüsten, trivialisiert das ihre Entrüstung und macht ihren Protest beliebig austauschbar. Da wird dann eben auch die engagierteste Wutwelle nur zu einem weiteren Shitstorm.

Wenn sowieso alles „super schlimm“ ist, ist am Ende eben nichts mehr wirklich schlimm. Hinzu kommt, daß ein Großteil derer, die jetzt den Einsatz für die „gemeinsamen demokratischen Werte” fordern, diese Freiheitswerte seit mindestens zwei Jahren selbst mit Füßen treten. Die Krokodilstränen, die die Langzeitangehörigen der „breiten bürgerlichen Bündnisse“ gegen alles und jeden jetzt über den Krieg vergießen, wirken da nur noch wie verstärkendes Wasser, auf ihre mit eigenen Händen errichteten Mühle der Selbstdisqualifikation. Kriegerische Konflikte sind zudem keine Fußballspiele, bei denen man sein jeweiliges Lieblingsteam anfeuert, und der gegnerischen Mannschaft seinen tiefsitzenden Haß entgegenschleudert. Emotionen gehören in die Sportarena, nicht in die Realpolitik. Dort, wo beides zusammenkam, hat es meist in die Katastrophe geführt.

Martenstein: Querdenker der alten Schule

Harald Martenstein ist raus! Der Autor, der über Jahrzehnte der vielleicht einzig wirklich gute Grund war, den Tagesspiegel zu lesen, schreibt dort nicht mehr. Seinem Abgang ist ein Streit über – wie könnte es anders sein – die Meinungsfreiheit vorausgegangen. Das Blatt hatte sich von einer Kolumne Martensteins distanziert, in der dieser es wagte, anzuzweifeln, daß es sich bei den Demonstranten, die sich auf den Corona-Demonstrationen einen „Judenstern“ anheften, um Antisemiten handle. Die Argumentation des Schriftstellers, der fast 34 Jahre lang als die Edelfeder der Zeitung galt, daß die Demonstranten sich doch mit den verfolgten Juden des Dritten Reichs identifizieren würden, überzeugte die Redaktionsleitung nicht.

Auch daß er in seinem Text klarmachte, daß er diese Form der Selbstdarstellung keinesfalls für angebracht halte, nutzte dem Journalisten nichts. Die Chefredaktion des Tagesspiegels ließ Martensteins Kolumne online löschen und veröffentlichte seinerseits eine Entschuldigung für den vom allgemeinen Narrativ der „antisemitischen Proteste“ gegen die Regierungsmaßnahmen abweichenden Text seines jetzt ehemaligen Kolumnisten.

Dieser entschied sich daraufhin, die langjährige Zusammenarbeit mit dem Tagesspiegel zu beenden. Ich habe meine Meinung nicht geändert. Vielleicht irre ich mich. Wo man glaubt, nur man selber sei im Besitz der Wahrheit, bin ich fehl am Platz, schrieb, der Querdenker der alten Schule seinem alten Arbeitgeber in seiner letzten Kolumne ins Stammbuch. Ob der 68jährige mit dieser rar gewordenen Haltung allerdings eine Zukunft bei der Zeit, für die er aktuell noch weiterschreibt, hat, dürfte angesichts der Verflachung und Einengung des Diskurses, welche auch dort längst Einzug erhalten haben, zumindest fraglich sein. 

Pirinçci sucht Investoren

Ein anderer Autor, der noch deutlich kontroverser ist als Harald Martenstein, sammelt gerade Geld. Nicht für sich selbst, sondern für die Verfilmung seines neusten Werkes. Akif Pirinçci, der große Ausgestoßene des deutschen Literaturbetriebs, wirbt auf seiner Facebookseite für Investoren, für die filmische Umsetzung seiner erotisch-philosophischen Erzählung „Odette“. Das Enfant terrible, das selbst innerhalb der deutschen Rechtskonservativen als politisch inkorrekter Provokateur gilt, hat dafür eine eigene Kickstarter-Seite eingerichtet, über die man sein Projekt unterstützen kann. Nicht durch Spenden, sondern durch eine Investition, wie der Bestseller-Autor betont. „Dort kann jeder Investor, und sei er ein noch so kleiner, bei prozentualer Gewinnbeteiligung sein Geld anlegen“, heißt es in Pirinçcis Facebook-Eintrag.

Wer bereit ist, etwas Geld für die Entstehung des Films auf den Tisch zu legen, investiert, unabhängig von dessen potentiellen Einspielergebnis, auf jeden Fall in die Freiheit der Kunst und in einen fetten Mittelfingerzeig in Richtung all der linksgrünen Propaganda-Subventionierer und Förderstellen für staatstreue Gefälligkeitsfilme.

Vorhang auf für Kaisers Wochenrückblick Foto: picture alliance/imageBROKER / JF-Montage
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