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Harald Schmidts Impfstatus: Die Generation Twitter versteht keinen Spaß

Harald Schmidts Impfstatus: Die Generation Twitter versteht keinen Spaß

Harald Schmidts Impfstatus: Die Generation Twitter versteht keinen Spaß

Der Kabarettist Harald Schmidt schafft es, die Haltungsjournalisten mit seinen Aussagen zu seinem Corona-Impfstatus auf die Palme zu bringen (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa | Christoph Schmidt
Der Kabarettist Harald Schmidt schafft es, die Haltungsjournalisten mit seinen Aussagen zu seinem Corona-Impfstatus auf die Palme zu bringen (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa | Christoph Schmidt
Der Kabarettist Harald Schmidt schafft es, die Haltungsjournalisten mit seinen Aussagen zu seinem Corona-Impfstatus auf die Palme zu bringen (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa | Christoph Schmidt
Harald Schmidts Impfstatus
 

Die Generation Twitter versteht keinen Spaß

Deutschlands Medienschaffende zerbrechen sich den Kopf über Harald Schmidt. Das kann eigentlich nicht schaden, könnte der Grandseigneur der deutschen Fernsehunterhaltung aufgrund seiner haushohen intellektuellen Überlegenheit vielen seiner Kollegen doch Ansporn sein, ihren kulturellen Horizont zu erweitern. Auch, daß die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Late-Night-Papst bei vielen der Journalisten, die in diesen Tagen über den TV-Ruheständler schreiben, Verwirrung offenbart, wäre alleine noch keine Schande.

Schmidt hat sein Publikum immer gefordert; selbst die Feuilletonisten der alten Schule, die ihm einst Lobeshymnen in ihren Zeitungen widmeten. Mit den Edelfedern der in Würde ergrauten Journalistengarde haben die redaktionellen Smartphone-Tippsen von heute so viel gemein wie der ehemalige Chef von Manuel Andrack mit den derzeitigen „Genregrößen“ Klaas Heufer-Umlauf, Florian Schroeder oder Enissa Amani. So ist der Anlaß reichlich banal, weshalb die vielleicht größte und lustigste Fehlbesetzung des „Traumschiffs“ in diesen Tagen in die Schlagzeilen geraten ist.

Der Moderator kokettierte zuletzt wiederholt damit, daß er möglicherweise noch nicht geimpft sein könnte oder zumindest seinen Impfstatus nicht offenlegen wolle. Als der Interviewer der Neuen Zürcher Zeitung während des Gesprächs unlängst anmerkte, er habe sich mit Schmidt nicht in einem Hotel treffen können, weil dieser weder geimpft noch genesen sei, entgegnete ihm der Entertainer: „Daß ich nicht geimpft sei, das behaupten Sie einfach so, und ich lasse das mal so stehen. Mittlerweile habe ich mir eine Olaf-Scholz-Formulierung überlegt: `Ich bin auf einem guten und vernünftigen Weg, 2G zu erfüllen.` Das läßt alles offen.“

„Sonst gibt’s schnell was auf den Aluhut“

In Zeiten, in denen es zur neuen Normalität gehört, daß man wildfremde Menschen so selbstverständlich nach ihren intimen medizinischen Daten fragt, wie man sie früher nach der Uhrzeit gefragt hat, stellt ein solcher Mindestanspruch auf Privatsphäre ein Bekenntnis zur libertären Anarchie dar. Hätte Schmidt gestanden, daß er sich für die Zeit nach seinem Ableben mit Hitler und Stalin auf eine Runde Skat im Eckstübchen vom Beelzebub verabredet hat, es hätte viele dieser neuen Hüter der kollektivistischen Volksgesundheit wohl nicht mehr schockiert. Zumal der mutmaßliche Impfsünder mit den Worten schloß: „Mehr möchte ich dazu nicht sagen, sonst gibt’s schnell was auf den Aluhut.“

Auch an anderer Stelle machte sich der Kabarettist, der in seiner Show vom Waldsterben über BSE bis hin zur Vogel- und Schweinegrippe schon so manchen Weltuntergang mitgemacht hat, über die Hysterie bezüglich des Corona-Virus lustig. Als ihn der Reporter mit der Information versorgte, daß ein Kollege unlängst positiv getestet worden sei, fragte der Entertainer in guter alter „Dirty Harry“-Manier, ob es sich dabei um Aids handele.

„Sowieso scheint ihm angesichts der Pandemie eher zum Scherzen zumute“, runzelt da der Kollege vom Redaktionsnetzwerk Deutschland die regierungskonforme Journalistenstirn. Nachdem sein Gesprächspartner übrigens pflichtbewußt klarstellte, daß sein Kollege kein Aids habe, sondern lediglich positiv auf Corona getestet wurde, entgegnete ihm Schmidt: „Gut, ich bin eben an der Charité vorbeigefahren, ich bin also nicht auf ein Virus festgelegt. Michel Houellebecq, der französische Autor, falls Ihnen der Name neu ist, sagt ja, das sei das Langweilige an Corona: daß es nicht einmal sexuell übertragen werde.“

Wer heult hier?

Einer, der an solchen Späßen – und vermutlich auch an allen Späßen, bei denen man sich irgendwas wegholen könnte – keinen Gefallen findet, ist Steven Sowa. Der t-online-Redakteur, dessen coolsten Merkmale wohl der Vollbart und die schwarz gerahmte Hiptser-Brille sind, findet: Harald Schmidt sei „nicht mehr zu retten“. Dessen wiederholtes Spielen mit der Impfneugier der deutschen Journalisten erinnert den tugendhaften Internetschreibsklaven „an die Methoden eines Kleinkindes: Wenn die Eltern einmal auf das Gekreische reinfallen, heult es einfach immer wieder, um seinen Willen zu bekommen.“

Wer hier tatsächlich „heult“ wie ein fleischgewordener Corona-Alarm, wird beim Lesen schnell klar. Ebenso, welche Rolle Sowa in dem von ihm selbst gezeichneten Bild mit dem renitenten Kleinkind einnimmt. Nämlich die der übervorsorglichen Sagrotan-Mutti, die die eigene Angststörung nur zu gerne als selbstloses Verantwortungsbewußtsein für ihre Schützlinge verkauft. Zwar betont der besorgniserregend besorgte Haltungsjournalist, daß es „völlig irrelevant“ für ihn sei, ob die TV-Legende „nun den Ärmel hochgekrempelt, sich solidarisch gezeigt und für seine eigene und die Gesundheit anderer einen Piks in den Oberarm in Kauf genommen hat“.

Die Tatsache, daß weder Harald Schmidt, der sich gerade im Urlaub befindet, noch dessen Management bereit sind, ihm Aufklärung darüber zu verschaffen, „ob der 64jährige immunisiert ist oder nicht“, wurmt ihn offensichtlich aber doch ganz schön. Schuldig wäre Schmidt dem Online-Reporter diese klare Erklärung ja schon irgendwie; findet er zumindest selbst. „Denn ganz ehrlich: Wann haben Sie das letzte Mal etwas von Harald Schmidt gehört?“, fragt Sowa. Von ihm hingegen dürften die meisten von uns mit ziemlicher Sicherheit bis jetzt noch nie etwas gehört haben.

Humorlose verstehen Harald Schmidt nicht

Umso lauter versucht er nun, sich mit Hilfe des alten, weißen Mannes aus der eigenen Irrelevanz zu poltern. „Das Argument mit der Vorbildfunktion von Prominenten mag seit Joshua Kimmich und der Diskussion um die Corona-Impfung des FC Bayern München Spielers abgenutzt erscheinen, aber es ist deshalb nicht weniger wahr“, schreibt sich der in seiner moralinsauren Humorlosigkeit schon fast bemitleidenswerte Tastaturarbeiter in Rage.

„Harald Schmidt ist offenbar längst kein Vorbild mehr“, konstatiert der Vertreter der Generation Twitter. Damit beweist er vor allem: Er hat Harald Schmidt noch nie verstanden.

Der Kabarettist Harald Schmidt schafft es, die Haltungsjournalisten mit seinen Aussagen zu seinem Corona-Impfstatus auf die Palme zu bringen (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa | Christoph Schmidt
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