EM
Zuschauer vor Beginn des EM-Finales im Londoner Wembley Station Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | John Sibley

Fußball
 

Die diverseste EM aller Zeiten

Hurra! Italien schreibt Geschichte. Vor allem geht diese EM aber in die Geschichte ein als die „diverseste“ aller Zeiten. „Divers“, abgeleitet vom lateinischen divertere, bedeutet wörtlich übersetzt: „nach der entgegengesetzten Seite gewandt“. Damit ist ein Hauptproblem der vergangenen vier Turnierwochen treffend beschrieben: daß sich nämlich die Aufmerksamkeit permanent von der eigentlichen Hauptsache ab- und einem Nebenschauplatz zugewandt hat.

Zuletzt waren es einmal mehr König Covid und Prinz Panik, die König Fußball den Rang streitig machten: Erst reisen Tausende Fans quer durch Europa, und als die Horden schließlich in Wembley seßhaft werden, ist es auch wieder verkehrt. Haben die politisch Verantwortlichen etwa zwölf Monate lang nicht darüber nachgedacht, was das Konzept einer Diverse-Gastgeber-EM mit Spielstätten in elf Ländern praktisch bedeutet?

Ablenkung auch zu Beginn des Turniers: erst durch die verunglückte Flugshow eines Umweltaktivisten, dann durch den Kollaps des dänischen Spielers Christian Eriksen im Gruppenspiel Dänemark – Finnland. Vom Tag des Dramas an hatte der Wettbewerb ein Subthema, das das rein Sportliche streckenweise komplett in den Schatten stellte. Weiterspielen oder abbrechen?

Zertrümmerter Mythos vom Angstgegner Deutschland

Der knifflige Moralkonflikt war ein Luxusproblem, das, wenn irgendwo in Europa ein Bauarbeiter vom Gerüst fällt, in der Regel nicht gelöst werden muß. Immerhin ermöglichte die 0:1-Niederlage der Dänen die Geburt eines Mythos aus dem Geist der Tragödie: Zwar zündete das „Danish Dynamite“ im pazifismusgesättigten Diskurs der Gegenwart nicht mehr so gut wie 1992, aber die Lunte brannte immerhin bis zum Halbfinale.

Den Dänen wurde ein toller Mannschaftsgeist attestiert. Genau wie den britischen EU-Renegaten, die ihr Deutschland-Trauma mit zwei Blitz-Überfällen, einem Offensivgebaren, das die großen englischen Boulevardblätter sonst eher den Deutschen zuschreiben, eindrucksvoll überwanden und im Finale den konstanten Italienern erst im Elfmeterschießen unterlagen.

Im EM-tauglichen Sprachpanscherdeutsch von ARD und ZDF spricht man auch von „Teamspirit“. Da das eine sehr britische Vokabel ist, muß man sich als Deutscher nicht wundern, am Ende zum Opfer einer feindlichen Übernahme („teamspirit’s coming home“) geworden zu sein. Im Achtelfinale von London wurde kein Mythos geboren, sondern der vom Angstgegner Deutschland zertrümmert.

Wie will man aber auch „Teamspirit“ beschwören, wenn jeder statt wie bisher auf Schwarzrotgold erst mal eingeschworen werden muß auf die Farben von Manuel Neuers Regenbogenbinde? Jeder, das heißt auch Spieler wie Ilkay Gündoğan, der sich 2018 noch stolz mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdoğan ablichten ließ. Wie viele Extraeinheiten waren wohl nötig, um vom Erdoğan-Fan zum glühenden LGBT-Anhänger umtrainiert zu werden?

Neues Knie-Ritual

Und hätte man die nicht besser anders investieren sollen? Ehe der bayerische Doppelmarkus (Ministerpräsident Söder und sein General Blume) auf eindrucksvolle Weise demonstrierte, daß man bei der CSU jetzt die Narrenkappe im Gesicht statt auf dem Kopf trägt, war sicher auch anderen gar nicht klar, daß man selbst im tiefschwarzen Bayern nun der Regenbogenideologie huldigt.

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Ein Ur-Bayer wie Thomas Müller könnte also zumindest mal kurz darüber nachgedacht haben, ob seine Eltern ihm das früher so gepredigt haben. Und wozu Nachdenken im Fußball führt, das hat man in der 81. Minute des Spiels England – Deutschland gesehen. Da war Müller nicht fokussiert genug. Ist auch schwer, wenn um einen herum alles vom Fokus ab- und zur spektralen Lichtdispersion hinlenkt.

Genauso schwer könnte es einigen gefallen sein, die eben noch weithin akzeptierte Säkularisation zugunsten einer antirassistischen Zivilreligion schon wieder abstreifen zu müssen wie durchgeschwitzte Fußballsocken: Dem lästigen Kniefall in der heiligen Messe entronnen, mußten sich die deutschen Nationalkicker im Wembley-Stadion kniend zum neuen „Black Lives Matter“-Glauben bekennen. Nonkonformismus ist keine Option, wo klar ist, daß man sich damit den ruinösen Ruf eines modernen Ketzers einhandelt mit – Achtung, Webmob! – drastischen Folgen für lukrative Spieler- und Werbeverträge.

Internationale Wettkämpfe sind per se divers, eben dadurch, daß so viele unterschiedliche Nationen daran teilnehmen. Es ist ja gerade das Faszinierende am Fußball, daß die natürlichen Gräben, die Länder und Kulturen voneinander trennen, in der Konzentration auf etwas Gemeinsames auf einmal wie zugeschüttet sind.

Respekt für Ungarn

Daß nun blasiert-bornierte Besserwisser und geifernde Geschlechtsrevisionisten diese mutwillig wieder aufreißen und damit den Gedanken der Völkerverständigung über diese Gräben hinweg sabotieren wollen, ist verstörend. Ungarns Nationalmannschaft gebührt Respekt dafür, daß sie sich durch die unwürdige Debatte um die Propagandabeleuchtung der Münchner Allianz-Arena nicht irritieren ließ, sich stattdessen auf den Sport konzentrierte und damit die Deutschen sogar an den Rand einer Niederlage brachte.

Man muß jetzt die ganze Debatte um Baku, St. Petersburg und Katar, Orte, die sich dem LGBT-Gesinnungsdiktat widersetzen, nicht erneut führen. Aber daran erinnern, daß bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau und vier Jahre später in Los Angeles die dem Sport entgegengesetzte Seite, die Politik, das Ruder übernahm, darf man schon: Am Ende war der Sport der Verlierer.

Uefa-Präsident Aleksander Čeferin hätte deshalb gut daran getan, von Anfang an klar zu kommunizieren, was rechtlich gilt, daß nämlich jede politische, ideologische oder religiöse Vereinnahmung des sportlichen Ereignisses mit den Uefa-Statuten unvereinbar ist. Der Eiertanz, der stattdessen aufgeführt wurde, verdient eine Haltungsnote im unterirdischen Bereich. Vielleicht lernt der Weltsport daraus und unterbindet künftig spalterische Auswüchse von Jakobinermoral von vornherein. Alles andere wäre Frevel wider den Sport.

Für Flicks Jungs lautet die Lehre aus der EM, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, statt sich ideologisch instrumentalisieren zu lassen. Franz Beckenbauer kleidete das 1990 in die legendäre Siegerformel: „Geht’s raus und spielt’s Fußball!“

Zuschauer vor Beginn des EM-Finales im Londoner Wembley Station Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | John Sibley
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