Grenzübergang zwischen Israel und dem Libanon Foto: picture alliance / AP Photo
Israel und der Libanon

Kleines Treffen, große Chance

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Treffen unterer Chargen. Ein paar Seerechts-Experten und Ministerialdirektoren aus Israel und dem Libanon sowie einige Generäle beider Seiten begannen am Mittwoch Verhandlungen über die Seegrenze zwischen beiden Ländern. Man kam in Nakura zusammen, an der Grenze zwischen beiden Staaten und zwar im Büro der Vereinten Nationen. Es geht um den Verlauf der Grenze vor der gemeinsamen Küste.

Das hat bisher niemanden so richtig interessiert. Aber seit man weiß, daß unter dem Meeresboden riesige Öl-und Gasvorkommen liegen, gilt jeder Meter als künftiger Gewinn. Strittig ist die Grenze auch deshalb, weil vor knapp hundert Jahren, als noch niemand überhaupt etwas von den Bodenschätzen in der Tiefe ahnte, die beiden Kollegen aus London und Paris den Grenzstrich der Kolonialmächte durch Land und Meer zogen und dabei die zwei winzigen Inseln vor Israel vergaßen, die das koloniale Lineal zwischen den Einflusssphären der Briten und Franzosen eigentlich nach oben hätten schieben müssen. Um diese vergessene Verschiebung geht es, sie macht einige Quadratkilometer aus.

Aber der harmlose Anlaß ist Bühne für ein größeres Stück. Zum ersten Mal verhandeln die immer noch im Krieg stehenden feindlichen Nachbarn Libanon und Israel ganz offiziell. Im Libanon verbindet man im Großteil der Bevölkerung damit die Hoffnung, daß dies eine Dynamik entfesseln könnte, die zu Friedensverhandlungen führt. Sozusagen im Kielwasser der allgemeinen Friedensverhandlungen zwischen Arabern und Israelis, die mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrein bereits zu Friedensabkommen geführt haben und zwar unter Vermittlung Washingtons.

Greifbare Hoffnung

Hier wird die Hoffnung schon greifbarer. Denn die Experten und Generäle der beiden Länder sind nicht allein. Ihnen vermittelnd zur Seite stehen die amerikanischen Spitzendiplomaten David Schenker, stellvertretender US-Außenminister und zuständig für den gesamten Nahen Osten, sowie John Desrocher, US-Botschafter in Algerien, der auch offiziell zwischen Beirut und Jerusalem vermittelt.

Noch greifbarer aber wird die Hoffnung vor dem Hintergrund, daß auch die Saudis mitmischen. Sie wollen „ihren“ Mann, Saad Hariri, wieder als Ministerpräsidenten in Beirut sehen und die Chancen dafür stehen gut, schon weil Saudi-Arabien das einzige Land ist, das den Libanon finanziell über Wasser halten würde.

Damit aber ist auch die Grenze der Hoffnung erreicht. Denn Hariri, die Saudis und die Amerikaner stehen für den sunnitischen Teil des Islam, der allerdings den Ausgleich sucht, während der schiitische Teil unter Führung des Iran nach wie vor auf die Vernichtung Israels aus ist. Aus dem Iran ferngesteuert wird die Terrormiliz Hisbollah, die erheblichen Einfluß auf den libanesischen Präsidenten Michel Aoun ausübt. Schließlich konnte er nur mit Zustimmung der Hisbollah vor genau vier Jahren im Parlament zum Präsidenten gewählt werden.

Gefahr der Hisbollah

Die Hisbollah hat auch schon Bedenken gegen das Treffen von Nakura angemeldet. Sie muß indes vorsichtig sein. Israelische Kampfflugzeuge und Drohnen überfliegen regelmäßig den Libanon und zerstören systematisch neue, illegale Stellungen der Hisbollah in der Nähe der Grenze.

Es ist unwahrscheinlich, daß die Hisbollah die Verhandlungen zum Abbruch bringen kann. Es ist aber wahrscheinlich, daß sie es mit Attentaten in Beirut und andernorts versuchen wird. Besonders gefährdet sind in dieser Situation Präsident Aoun und der vermutlich kommende Premier Hariri. Sie stehen unter dem besonderen Schutz Washingtons und Jerusalems.

Offen ist der Zeitpunkt einer Einigung. Die wird so aussehen, daß man sich die strittige Zone teilt und das bedarf eigentlich nur einiger Tage. Aber reibungslose Verhandlungen ohne dramatisches Theater – Drohung mit Abbruch der Verhandlungen, plötzliches Verlassen des Tischs mit Pokerface oder empörter Geste, Blockade wegen eines Worts, etc. etc. – sind an der Levante nicht denkbar. Am Ende aber wird eine Einigung stehen.

Chance auf Kooperation

Der Libanon braucht die Devisen aus dem Öl- und Gasgeschäft dringender als Israel und er braucht noch dringender Frieden für den Wiederaufbau. Insofern sind die Verhandlungen auch ein Maßstab dafür, wie stark das Störpotential Irans in Zeiten von Corona und Friedensdynamik zwischen Israel und den Arabern noch ist.

Hinter dem Schleier des harmlosen Treffens von Nakura liegt eine große Chance. Denn selbst wenn es zu einem größeren Störfeuer der Hisbollah kommen sollte, Israel könnte dies zum Anlaß nehmen, um den Libanon vom Krebsgeschwür der Terrormiliz zu befreien und damit erst recht die Dynamik einer Kooperation zwischen israelischem Know how und arabischen Geldern freizusetzen.

Grenzübergang zwischen Israel und dem Libanon Foto: picture alliance / AP Photo

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