Terroranschlag von Christchurch

Islamophile Empörung ist zu wenig

Es gibt islamischen Terror, linksextremen Terror und rechtsextremen Terror. In Neuseeland hat ein Terrorist zugeschlagen, der sich selbst in einem Manifest als ethno-nationalistischen Öko-Faschist und Verächter der Konservativen bezeichnet. Aber ein Vergleich verbietet sich – schon aus Achtung für die Würde der Opfer, ganz gleich welcher Religion oder Rasse, welchen Geschlechts oder welcher Herkunft sie sind.

Wahllose Gewalt gegen unschuldige Zivilisten – das ist der Kern des Terrorismus – ist immer zu verurteilen, sei es in Neuseeland, Norwegen, Frankreich, Deutschland, Syrien, Afghanistan oder anderswo auf dieser Welt. Christchurch macht da keine Ausnahme. Die ideologische Motivation von Terroristen mag manches erklären, rechtfertigen kann sie nichts – jedenfalls nicht in Staaten, in denen die Menschenrechte das zivilisatorische Fundament der Gesellschaft bilden.

Zweierlei Maß

Die ersten Reaktionen aus Medien und Politik lassen allerdings Zweifel aufkommen, ob das für alle Religionen und Terroristen gleichermaßen gilt. Das Manifest des Terroristen von Christchurch, Brenton Tarrant, trieft von Haß, vor allem gegen den Islam. Logisch sind seine wirren Thesen, wenn sie denn von ihm stammen, nicht. Der schwedische Terrorismusforscher Magnus Ranstorp bezeichnet sie als eine „schlampig zusammengekleisterte Kopie“ des Manifests des norwegischen Terroristen Anders Breivik.

Dennoch wird sogleich von einer „wachsenden rechtsextremen Szene in Neuseeland“ gesprochen und Tarrant an die Seite Marine Le Pens, Viktor Orbans und natürlich auch der AfD gestellt. Das kann man noch als die übliche Hysterie des politisch-medialen Establishments verbuchen. Ernsthafter sind jedoch die Meinungen, die aus dieser Terrortat ableiten wollen, daß Islamophobie stärker beobachtet und geahndet werden sollte. Wäre man bei Terroraktionen gegen Nicht-Muslime, zum Beispiel Christen, auch so schnell mit der Strenge des Gesetzes bei der Hand?

Erdogan, Obama und andere wittern eine weltweite Verschwörung gegen den Islam. Im Islam ist das seit Jahrhunderten üblich, im Westen leitet man das jetzt  aus dem Begriff des „großen Austauschs“ ab, den der Terrorist von Christchurch als Motiv für seine Tat gegen die Muslime gebrauchte. In einer globalisierten Welt, in der es kaum noch Gesellschaften ohne ethnische Minderheiten gibt, und in der demographische Dynamiken und Lethargien das Angesicht der Welt verändern, ist ein gewisses Maß an Multikulturalität Alltag – jedenfalls in der freiheitlichen Welt des Westens.

Angst vor Racheakten

Die Frage ist, wie das Nebeneinander verschiedener Kulturen funktioniert oder wann die kulturelle Identität eines Volkes sich auflöst. Das Fremde macht Angst, Auflösungserscheinungen auch. Schon möglich, daß Tarrant, der nette Junge aus gutem Hause, wie die Nachbarn sagen, auf seinen Reisen durch Frankreich, Bulgarien, die Balkanländer und übrigens auch Nordkorea sein rassistisches Weltbild formte und den Islam als Unruhefaktor in der Welt von heute ausmachte.

Vielleicht hat er dieses Weltbild auch aus dem Internet gezogen. Aber all das rechtfertigt natürlich keinen Terrorakt gegen Muslime. Allerdings auch keine Vorzugsbehandlung des Islam in der freiheitlichen Welt. Der Verdacht drängt sich auf, daß man aus Angst vor Gegenschlägen und Racheakten radikaler Muslime jetzt besonders freundlich zum Islam sein möchte.

Das Problem des Islam sind nicht die friedlichen Muslime. Es ist die Ambivalenz des Korans, der Grundlage dieser politischen Religion. Radikale und Gemäßigte, Gewalttätige und Friedliebende können sich auf ihn berufen. Je deutlicher sich islamische Gemeinden von den Gewaltsuren des Korans distanzieren, umso weniger Grund zur Angst hätten die Menschen vor einer Verfremdung ihrer Heimat. Die Muslime in Neuseeland sind als friedlich und integrationsbereit bekannt.

Gewalt in jedes Wohnzimmer

Sie sind Opfer eines Terrors, der sich gegen die radikale Seite ihrer Religion richtete. Das ist die Tragik von Christchurch. Sie zu bedenken und zu diskutieren ist man den Opfern schuldig. Der global ausgreifende Terror – unterstützt vom Internet, wie man in Christchurch sah – bringt die Gewalt in jedes Wohnzimmer und macht die Diskussion darüber dringlich. Nur islamophile Empörung ist zu wenig.

Blumen an einer provisorischen Gedenkstätte im neuseeländischen Christchurch Foto: picture alliance/Peter Godfrey/dpa

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