Heinrich Lummer (1932 – 2019) Foto: Ronald Gläser
Zum Tod von Heinrich Lummer

Er sprach mit der Zunge des gemeinen Volkes

Bei seinem Namen gehen eingefleischten CDU-Wählern noch heute die Augen auf: Heinrich Lummer. Der frühere Berliner Innensenator stand auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik wie kaum ein anderer für die Durchsetzung von Recht und Gesetz, für law and order.

Er war es, der nach der Machtübernahme durch die CDU in (West-)Berlin notwendige Räumung von besetzten Häusern vornehmen ließ. Mit ihm gab es keine Strategie der Deeskalation gegenüber linken Chaoten, und auch in der Einwanderungsfrage war er knallhart. Lummer gehörte zu den frühesten Kritikern des bestehenden Asylsystems in den achziger Jahren.

Dabei erinnern die ersten Stationen seines Lebens eher an einen jener sogenannten Bundeswehrflüchtlinge, die nach Berlin kamen, um dem Barras zu entgehen: Geboren 1932 in Essen, zweiter Bildungsweg, dann Umzug an die Spree, Asta-Vorsitzender an der Freien Universität Berlins, 1962 Abschluß als Diplompolitologe. Wenige Jahre später wäre er wohl beim SDS, bei Dutschke und Maofibel, kurz bei den 68ern, gelandet.

Er war eine schillernde Figur

Heinrich Lummer mit der Stalingradmadonna Foto: Privat

Aber Lummer war schon mit 20 Jahren in die CDU eingetreten. Ab 1967 wurde er Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, ab 1987 noch mal über zehn Jahre Bundestagsabgeordneter. In der im Aufwind befindlichen CDU stieg er Anfang der achziger Jahre auf bis zum (zweiten) Bürgermeister und Innensenator.

Lummer hatte immer auch etwas Saloppes an sich. Obwohl Diplompolitologe sprach er die Zunge des gemeinen Volkes. Deswegen liebten ihn die normalen Berliner. Politisch korrekte Sprachverrenkungen waren ihm zuwider. Gleichzeitig war er schlagfertig. Gnade demjenigen, der sich ihm in einer Liveshow stellte.

Unvergessen ist einer seiner Auftritte in einer RTL-Talkshow 1992, in der er einen Satz mit dem Wort „jeder“ einleitete. Eine Gesprächspartnerin korrigierte ihn: „…und jede“. Daraufhin Lummer, als habe er darauf gewartet: „Jeder Mensch.“ Sofort war der Seitenhieb der Dame verpufft. 27 Jahre später – und die Leute führen noch immer die gleichen Debatten – aber kaum einer redet noch ungegendert.

Zu dem Frivolen gehörten seine Eskapaden. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Fest steht: Er hatte ein enges Verhältnis zu Nachrichtendiensten – und selbst das MfS wollte ihn, den verhassten Klassenfeind, anwerben. Er stolperte (vorübergehend) über einen Bauskandal und pflegte Kontakt zu Leuten wie Abdullah Öcalan, dem PKK-Chef. Kurzum: Er war eine schillernde Figur.

Schlaganfall veränderte sein Leben

Das i-Tüpfelchen auf diesem bewegten Leben war seine Rolle bei Sender TV Berlin. Um die Jahrtausendwende moderierte Lummer, der sich nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag unter anderem für Kunstgeschichte an der Uni neu eingeschrieben hatte, eine Gesprächssendung über lokale Themen.

In einer Folge suchte ihn der verkleidete Komiker Hape Kerkeling auf und schimpfte als „Rico Mielke“ lauthals über Wildscheine. Diese Sendung war so witzig, daß ein Millionenpublikum diese eine Show angeschaut hat. Sie war auch deswegen so gut, weil Lummer fair und sachlich blieb und sich nicht von dem provozierenden Gast anstecken ließ.

Wenig später ereilte ihn ein Schlaganfall, der sein Leben 2002 von Grund auf veränderte. Er konnte nicht mehr sprechen, später auch nicht mehr laufen. Kommentare kritzele er auf ein Blatt, das dann per Fax übermittelt wurde. Obwohl eingeschränkt nahm er an Konferenzen teil, traf alte und neue Freunde. Noch jahrelang tat er alles, was in seiner Macht stand, um konservatives Gedankengut nach vorne zu bringen. In- oder außerhalb der Union, der er aber nie den Rücken gekehrt hat – ganz der Parteisoldat.

Heinrich Lummer ist nun für immer von uns gegangen. Berlin hat ihm viel zu verdanken. Für originelle Typen wie ihn gäbe es heute mehr denn je zu tun. Er wird uns fehlen.

Heinrich Lummer (1932 – 2019) Foto: Ronald Gläser

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