9. November 1989: Berliner von beiden Teilen der Stadt stürmen die Mauer Foto: picture alliance/akg-images
Mauerfall

Ende des postnationalen Irrwegs

In den 1970er Jahren antwortete der Liedermacher Reinhard Mey auf die Frage, welches Gebäude so häßlich sei, daß man es abreißen sollte: „die Berliner Mauer“. In seiner Zunft und der Kulturszene überhaupt machte er sich damit keine Freunde. Ganz im Gegenteil. Denn auch wenn es kaum jemanden gab, der die Mauer ästhetisch ansprechend fand, so wurde sie in der alten Bundesrepublik doch achselzuckend hingenommen, von den Gebildeten oft noch hinzugefügt, daß sie auf eine gewisse Weise der Friedenssicherung diente.

Damit war man sehr weit entfernt von der Empörung, die die Westdeutschen und vor allem die West-Berliner unmittelbar nach der Errichtung der Mauer am 13. August 1961 erfaßt hatte. Regelmäßig kam es vor dem Brandenburger Tor zu Aufmärschen und Protesten, auch zu direkten Angriffen oder Versuchen, wenigstens Teile der Grenzbefestigung zu demolieren. Wer sich noch etwas an die damalige Atmosphäre erinnert, wird vielleicht die Bilder des toten Peter Fechter vor Augen haben, der bei einem Fluchtversuch angeschossen wurde und im Todesstreifen langsam und qualvoll starb, bevor ihn DDR-Grenzposten bargen.

Aber das oder die Zahl der übrigen Mauertoten zu erwähnen galt, wie auch der Hinweis auf die Absurdität einer solchen Anlage in der Mitte der Hauptstadt eines Landes, spätestens nach Einleitung der Neuen Ostpolitik als „entspannungsfeindlich“, wenn nicht „revanchistisch“.

Kennedys Bekundungen waren reine Propaganda

Es gab wenige, die es damals wagten, den Status quo, der Berlin, Deutschland und den Kontinent teilte, in Frage zu stellen. Dazu gehörte Richard von Weizsäcker, der als Bundespräsident erklärte, daß die Deutsche Frage so lange offen sei, wie das Brandenburger Tor geschlossen bleibe. Die Formel hat der US-Präsident Ronald Reagan bei seinem Besuch in Berlin 1987 zitiert und sie mit dem berühmt gewordenen Appell an die sowjetische Führung verknüpft „Tear down this wall!“ – „Reißen Sie diese Mauer nieder!“

Neben dem Satz seines Amtsvorgängers John F. Kennedy „Ich bin ein Berliner!“ wird diese Aussage gern als Beleg dafür genommen, daß der große Verbündete seine Zusagen einhielt und sich für die Einheit der Deutschen aussprach. Allerdings wissen die Historiker längst, daß Kennedys Bekundungen reine Propaganda waren.

Er hatte durch Berichte der CIA Monate vor dem Mauerbau von der entsprechenden Absicht des DDR-Regimes erfahren und im kleinen Kreis keinen Hehl daraus gemacht, daß man die Eindämmung der Fluchtbewegung aus dem Osten im Grunde für richtig hielt. Also traf man auf Kosten der Deutschen mit der Sowjetunion ein Arrangement, das auf der wechselseitigen Anerkennung der Einflußsphären in Europa beruhte.

Zu diesem Bild paßt der Fund neuerer Dokumente, deren Inhalt dafür spricht, daß Reagan seine Stellungnahme, kurz nachdem sie gefallen war, wieder zurückzog. In Reaktion auf Vorwürfe des sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse äußerte er kleinlaut, daß es wohl „unrealistisch“ und gefährlich sei, die Mauer beseitigen zu wollen. Zudem gehöre die deutsche Teilung zu den Kriegsfolgen, und „viele“ fänden, Deutschland dürfe „nie wieder die stärkste und mächtigste Macht im Zentrum Europas sein“.

Meinungsmacher hatten sich eingerichtet

Auf diese Äußerung hinzuweisen bedeutet auch klarzustellen, daß die Mauer als sinnfälligster Ausdruck der deutschen Lage nach 1945 weder Zufall noch Strafe des Weltgerichts für kollektive Schuld war, sondern das Ergebnis eines Konflikts zwischen den Supermächten, in dem die Deutschen als Manövriermasse behandelt wurden. Dabei hatten die im Westen mehr Glück mit ihrem Hegemon als die im Osten. Trotzdem war nach dem Zusammenbruch des Reiches an eine selbständige Politik nicht zu denken. Diese Zwangslage als solche begriffen und daraus die notwendigen Schlüsse gezogen zu haben, kann niemandem vorgeworfen werden.

Vorwerfbar bleibt aber die kleinmütige oder opportunistische Bereitschaft, die Nötigung auch noch zu rechtfertigen oder anzuhübschen. Eine entsprechende Neigung war bei den Verantwortlichen und den Meinungsmachern ausgeprägt und erklärt viel von dem Zögern, mit dem sie vor dreißig Jahren auf die Maueröffnung und dann den Fall der Grenze reagierten. Sie hatten sich eingerichtet, und nun durchkreuzte der Gang der Geschichte ihr Kalkül.

Sie wußten sehr genau, was ihnen drohte, wenn man prüfte, wer sich an der Aufrechterhaltung und Verharmlosung des Unrechts beteiligt oder davon profitiert hatte. Die Menge der Beteiligten war allerdings so groß und deren Machtposition so gefestigt, daß ein derartiger Prozeß der „Aufarbeitung“ niemals Aussichten hatte.

Die eigentlichen Lehren werden nicht beherzigt

Die Folgen sind bekannt. Da ist zum einen die Entschlossenheit, mit der man den 9. November 1989 seiner konkreten Bedeutung beraubt, indem man von einem „Wunder“ spricht oder den Eindruck erweckt, als habe damals eine neue Epoche universaler Grenzenlosigkeit ihren Anfang genommen. Da ist zum anderen die Art und Weise, in der man den Charakter des DDR-Regimes verzeichnet. Dessen totalitärer und menschenverachtender Charakter wird nicht nur von den Postkommunisten relativiert, sondern auch von denen, die sich gern als „Mitte“ und „Zivilgesellschaft“ präsentieren.

Die Folge ist eine Art politischer Amnesie, die es notwendigerweise erschwert, die eigentlichen Lehren aus dem Kollaps des Systems zu beherzigen: daß der Versuch, den Menschen das Recht auf nationale Selbstbestimmung zu nehmen – damals im Namen des Marxismus, heute im Namen des Multikulturalismus –, zu heftigen Gegenreaktionen führt; und daß Indoktrination, egal ob sie brutal oder subtil arbeitet, zuletzt genau das hervorruft, was eigentlich vermieden werden soll – die Infragestellung der Legitimität der bestehenden Ordnung.

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