Zwei Polizistinnen gedenken in Lüttich am Tag nach dem Terroranschlag ihren ermordeten Kolleginnen Foto: picture alliance/ dpa
Islamischer Terror

Die Gebete sind verstummt

„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, heißt es. Wie sehr er sich an wirklich alles gewöhnen kann, zeigen die mittlerweile zum traurigen europäischen Alltag gewordenen islamischen Attentate wie jüngst das in Lüttich. Ein „Allahu Akbar“-schreiender Mann greift mit einem Messer zwei Polizistinnen von hinten an, sticht mehrfach brutal auf sie ein, um ihnen dann die Dienstwaffen zu entreißen und sie damit zu erschießen. Danach eröffnet er das Feuer auf ein geparktes Auto und tötet einen 22 Jahre jungen Mann auf dem Beifahrersitz. Daraufhin verschanzt er sich in einer Schule, wo er eine Angestellte als Geisel nimmt. Als eine Spezialeinheit der Polizei anrückt, stürmt er wildschießend heraus.

Eine solche Tat im Herzen Europas hätte die Menschen vor wenigen Jahren noch massiv entsetzt. Im Fernsehen hätte es stundenlange Live-Schalten und Sondersendungen gegeben und auf der Straße, bei der Arbeit, in der Schule und an der Uni tagelang kaum ein anderes Thema. Erinnert sich noch jemand, wie emotional angefaßt wir alle nach den ersten großen islamischen Terroranschlägen in Paris vor drei Jahren waren? Nach den Terrorakten am Rande des Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich oder dem Anschlag auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo?

Das Grauen ist mittlerweile Teil unseres Alltags

Inzwischen gab es viele weitere Attentate. In Paris, Brüssel, London und auch in mehreren deutschen Städten. Die Bestrebungen, die es anfangs noch gab, im Internet Listen mit allen, im Namen des Islams begangenen Anschlägen zu erstellen, gleichen inzwischen einer Sisyphusarbeit.

Mit jedem einzelnen Anschlag sind wir ein bißchen mehr abgestumpft. Die Gebete sind verstummt, genau wie die großflächige mediale Berichterstattung über den islamischen Terrorismus. Mittlerweile wird nicht einmal mehr relativiert. Es geht einfach weiter – Business as usual.

Das Gräuel, an das wir uns nie gewöhnen wollten, ist ein bizarrer Teil unseres Alltags geworden. Der Horror, der für uns nie normal werden sollte, ist es doch irgendwie geworden. Der moslemische Londoner Bürgermeister, Sadiq Khan, hat auf tragische Weise Recht behalten. Es ist heute ein wesentlicher Bestandteil des Großstadtlebens, mit Terroranschlägen zu rechnen.

Dem Staat ist unsere Sicherheit gleichgültig

Unser einstiges Entsetzen ist einer allgemeinen Vorsicht gewichen. Unser Mitgefühl mit den Opfern einer bleiernen Resignation.Nichts kann uns mehr so richtig schocken. Wer sich in der Vergangenheit gefragt hat, wie frühere Generationen von Europäern so versteinert und gleichgültig gegenüber den Schrecken des Krieges werden konnten, muß sich, nach der nächsten medialen Kurzmeldung über den neusten islamistischen Mordanschlag, nur einmal selbst im Spiegel betrachten.

Der Attentäter von Lüttich war ein den Sicherheitsbehörden bekannter Gefährder. Mal wieder. Er war Gefängnishäftling und befand sich gerade auf Freigang. In der Nacht zuvor soll er bereits einen ehemaligen Mithäftling ermordet haben. Auch das ist eine bittere Erkenntnis: Egal, wie gleichgültig wir werden – der Staat, der uns schützen sollte, ist immer noch ein ganzes Stück gleichgültiger.

Zwei Polizistinnen gedenken in Lüttich am Tag nach dem Terroranschlag ihren ermordeten Kolleginnen Foto: picture alliance/ dpa

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