Kommentar zum Brexit

Deutschland allein zu Haus

Der Katzenjammer der einstigen Volksparteien war vorhersehbar; der Anlaß dafür, der Ausstieg Großbritanniens aus der EU, nur bedingt. Die meisten hatten doch erwartet, die Briten würden allein aus Trägheit der Entwicklung zu „immer mehr Europa“ für den Verbleib ihres Landes stimmen.

Nun sind sie draußen. England wird es überleben. Möglicherweise ab Herbst unter dem umtriebigen Boris Johnson als neuem Premier. Keine andere Nation in Europa ist so eng und vielfältig in die Weltwirtschaft eingebunden.

Am schmerzlichsten ist der Verlust für die etablierte Berliner Politik, die so gnadenlos auf Europa gesetzt hat. England raus, in Frankreich wächst der Einfluß des Front National, die neuen EU-Mitglieder im Osten besinnen sich auf ihre nationalstaatlichen Wurzeln und in Holland, Belgien und Italien geht 59 Jahre nach den Römischen Verträgen die Skepsis um. Deutschland allein zu Haus. Reich, aber ratlos.

Nur ein bedingter Triumph

Doch auch für die Euro-Skeptiker in der Rest-EU ist die Nachricht nur bedingt ein Triumph. In Wahrheit verlieren sie ihren stärksten Verbündeten. David Cameron, der sich jahrelang vergeblich für eine Reform der Europäischen Union eingesetzt hatte, hatte das Votum ja angesetzt, um den EU-Mächtigen mit einem ebenso mächtigen Reformmandat zu begegnen. Die Alternativen gestern waren nicht Ausstieg und „weiter so“ – die Alternativen waren Ausstieg und „ja, aber“. Auch jene Briten, die für den Verbleib gestimmt haben, meinten damit nicht die Merkel-EU.

Camerons höchst risikoreicher Schuß ist nach hinten losgegangen. Die Gefahr ist jetzt, daß die Polarisierung auf dem Kontinent fortschreitet. Doch ein lebensfähiges Konzept haben weder die ideologisierten Phantasten, die von den Vereinigten Staaten von Europa träumen und glauben, ein Brüsseler Superstaat bringe sie auf den Weg dorthin, noch jene Skeptiker, die der Ansicht sind, man müsse nur überall austreten, zur D-Mark zurückkehren und die heile Welt bräche an.

Wieso dürfen die Briten abstimmen und wir nicht?

Solange aber die Bevölkerung mit Phrasen wie „EU oder Krieg“ abgespeist wird, wird auch hierzulande die Frage laut: Wieso dürfen die Briten abstimmen und wir nicht?

Fest steht jedenfalls: Schon eine EWG nach historischem Vorbild hielte den heutigen Bedingungen nicht stand. Unsere Infrastruktur ist international in einem Maß zusammengewachsen, das nach neuen Lösungen verlangt: Kommunikation, Daten, Energie, Transport, Finanzen. Auch die Briten, die gestern für den Brexit gestimmt haben, werden nicht wollen, daß ihr Land wieder ein nationales Steckdosenformat einführt.

Wahlparty der Brexit-Befürworter Foto: picture alliance/dpa

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