Eurokrise und Psychologie

Gegen die Wand

Als der Bus losfährt, sitzen nur ein paar Leute hinter dem Fahrer, die aber machen Lärm für zwanzig. Die Sonne scheint, die Luft ist frisch und die Stimmung großartig. Alle lachen, reden und singen durcheinander, aus 24 Lautsprechern kommt Volksmusik, und der Fahrer hat einen lustigen Hut aufgesetzt. Bis mittag steigt alle halbe Stunde ein neuer Gast zu, die Stimmung explodiert, die Bordbar hat geöffnet, der Champagner fließt, die Austernschalen knacken, und das Ziel, ein hoher blauer Berg, erscheint schon ganz nahe.

Irgendwann ist der Bus voll, 28 Reisende sitzen drin, immer noch wird gesungen, getrunken und getanzt, obwohl inzwischen klar ist, daß einige Passagiere kein Geld haben. Aber das ist kein Problem, die haben an der Bar Kredit, und die Brieftaschen der anderen stehen ihnen offen. Die Sonne steht schon tief im Westen, und eine steil abfallende Felswand erscheint in der Ferne, auf die der Fahrer jetzt direkt zuhält. Schneller und schneller wird der Bus, hinten schreien die ersten: „Stopp! Halt!“, aber das kümmert den Fahrer nicht. Der gibt nur noch mehr Gas.

Die Katastrophe kommt immer näher

Dieser Bus ist die EU und die Felswand der Grexit, auf den die europäische Staatengemeinschaft zurast. In Wirklichkeit wissen alle, daß die Katastrophe immer näher kommt, aber keiner traut sich, die Notbremse zu ziehen. Wenn große Dinge, an die viele Menschen jahrelang geglaubt haben, schiefgehen, wenn Unternehmungen, in die viele ihr Geld, ihre Reputation, ihre Glaubwürdigkeit und ihre Zukunft investiert haben, scheitern, dann starren alle in einer Art von Schocklähmung auf den brennenden Dachstuhl des geliebten Gebäudes, spüren den sengenden Hauch des Feuers, hören das Krachen der Balken und sehen dem Flug der Funken zu – ohne etwas dagegen zu tun.

In dieser Situation befindet sich die EU. Aus dem Dach schlägt längst das Feuer, aus den Fenstern züngeln die Flammen, Rauch und Gestank liegen in der Luft, aber keiner darf etwas merken, keiner etwas sagen, niemand etwas dagegen tun, denn eines der ältesten Gesetze der Gruppenpsychologie lautet: Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Reiche, Länder und Unternehmen müssen immer bis ganz an die Wand gefahren werden, bis endlich einer sagt: Hoppla, das war jetzt aber nichts. Napoleon wußte vor Waterloo, daß ganz Europa gegen ihn und seine Zeit vorüber war; nach Gettysburg war der Krieg für den Süden verloren; nach Stalingrad gab es keine Hoffnungen mehr auf einen deutschen Sieg – aber weitergekämpft wurde bis zum bitteren Ende.

Sture Durchhalteparolen

Komplexe psychologische Mechanismen sind in solchen Fällen am Werk. Hier zeigt sich dann, wie stark Gruppendenken alle Entscheidungen beeinflußt und wie wenig Intelligenz, Individualität, eigene Ideen und alternative Sichtweisen zählen. Geht eine große Sache erkennbar schief, dann muß am einmal eingeschlagenen Kurs um so stärker festgehalten werden, je aussichtsloser die ganze Angelegenheit ist. Die, welche die ganze Chose angezettelt haben und inzwischen selber nicht mehr daran glauben, bestärken sich nun gegenseitig in ihrem Tun, klopfen sich auf die Schultern, bis ihnen der Staub aus den Jacken fliegt, um einander Mut zu machen und die Schwäche in Hirn und Herz zu überspielen.

Aus den einstigen Utopien werden nun sture Durchhalteparolen, jede Kritik ist jetzt Verrat, aus Abweichlern werden Verräter, Häretiker und Renegaten, die man diskreditieren, isolieren und endlich ruhigstellen muß. Presse, Medien und die ganze Mischpoke aus Fernsehphilosophen, Bloggern, Facebook-Artisten und Twitter-Poeten, die die Freiheit hätten, den katastrophalen Kurs der Mächtigen zu kritisieren, tun genau das nicht, sondern verfallen in einen Gesang monotoner Einstimmigkeit, der jetzt zeigt, was sie wirklich sind: kleine brave Hündchen, die nur mit den großen wilden Wölfen heulen wollen.

Es herrscht Glaube statt Wissen

Fährt der Bus Richtung Felswand, dann zählen Argumente nicht mehr, und in unserem areligiösen Zeitalter herrscht plötzlich wieder Glaube statt Wissen. Wer vor der Katastrophe warnt, erntet erst Kopfschütteln, dann Unverständnis, bis er endlich verspottet, verhöhnt und verteufelt wird. Hat er Pech, verliert er Stellung, Amt und Würde noch obendrein. Rache muß sein. Die Griechenland-Krise zeigt, wie stark jene Politiker, die das Ruder herumgerissen und mit dem Geist der Zeit gebrochen haben, wirklich waren.

Die Aufgabe Algeriens ist de Gaulle schwergefallen, seine eigenen Offiziere hätten ihn dafür fast ermordet – und trotzdem hat er es getan; Nixon war vermutlich der kriminellste Präsident, der jemals ins Weiße Haus gewählt worden ist, aber in einem Akt einsamer Entschlossenheit hat er den Vietnam-Krieg beendet; Margaret Thatcher wurde vom Establishment nie richtig ernst genommen, weil sie eine Frau und die Tochter eines Gemischtwarenhändlers war, aber sie hat einen von Sozialdemokraten geschaffenen Selbstbedienungsladen, der von Streiks zerrissen und von Gewerkschaften gegängelt wurde, in einen modernen Staat überführt.

Irgendwie wird’s schon gehen – nur nicht mehr lange

Angela Merkel hat eine gewisse Stärke in der Krise bewiesen, aber diese Stärke speist sich, wie so oft bei ihr, nicht aus Ideen, Kraft und Entschlossenheit, sondern aus Trägheit und Apathie. Ihr steter Grundsatz lautet: Irgendwie wird’s schon gehen. Dabei ist längst klar, daß es so nicht mehr lange weitergehen kann. Griechenland ist der Mann, der 45.000 Euro im Jahr verdient, 50.000 davon ausgibt und obendrein noch 320.000 Euro Schulden hat.

Irgendwann muß der Bus gegen die Wand fahren. Das wird die Passagiere ordentlich durchrütteln, einige werden sterben, andere schwer verletzt werden, der Rest aber wird aussteigen, ein bißchen dumm lächeln, hoppla! sagen und in den nächsten Bus steigen.

JF 31/32-15

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Parlament: Stärke, die sich aus Trägheit und Apathie speist Foto: picture alliance / dpa

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

All articles loaded
No more articles to load

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load