Joachim Kuhs
Flugzeugabsturz
Hubschrauber auf dem Weg zur Absturzstelle von Flug 4U 9525: Das Urvertrauen ist gebrochen Foto: picture alliance / dpa

Flugunglück
 

Das verletzte Vertrauen

Es gibt eine Reihe von Gründen, das durch die Flugzeugkatastrophe in Südfrankreich ausgelöste mediale Beben zu kritisieren. Freigiebig bedienen Sender und Zeitungen, die schwer unter Quotendruck stehen, den Voyeurismus der Konsumenten und fordern ihn mit einer ausufernden Berichterstattung zusätzlich heraus. Deutsche, französische und spanische Politiker nutzten die Tragödie für fernsehgerechte Auftritte.

Die einen schielten auf bevorstehende Wahlen, die anderen wollten der EU-Mumie neues Leben einhauchen. Ganz oben auf der Schäbigkeitsskala steht die feministische Zeitschrift Emma, die das Unglück dazu mißbrauchte, eine Frauenquote für die Pilotenkanzel zu fordern, weil Amokläufe und erweiterte Suizide eine typische Männerangelegenheit seien.

Doch diesmal erschöpft die Anteilnahme sich nicht in billiger Instrumentalisierung. Die bekundete Erschütterung und das Mitleid wirken oft glaubwürdig. Natürlich können Außenstehende das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen nicht wirklich teilen. Aus dem einfachen Grund, weil sie nicht mit ihnen identisch sind.

Lessing wußte, daß es sich bei dieser Regung um ein „auf uns selbst bezogenes Mitleid“ handelt, das nichts anderes ist als Furcht, „daß die Unglücksfälle, die wir über (die Opfer) verhänget sehen, uns selbst treffen können; es ist die Furcht, daß wir der bemitleidete Gegenstand selbst werden können“.

Eine lebensweltlichen Nähe zum Unglück

Und diese Furcht ist berechtigt. Der Zielort der Germanwings-Maschine war Düsseldorf, und auch Barcelona, wo sie startete, und die französischen Alpen, wo sie zerschellte, gehören heute zur Topographie eines durchschnittlichen Touristen. Die Empathiebedürfnisse korrespondieren also mit einer lebensweltlichen Nähe zum Unglück.

Das unterscheidet sie von der künstlichen Betroffenheit, die beim Tsunami in Asien, beim Erdbeben in Haiti oder angesichts von Stammeskonflikten in Afrika demonstriert wird und die eine peinliche Begleiterscheinung des unmöglichen Versuchs darstellt, die Familienmoral auf die gesamte Menschheit zu beziehen.

Die Umstände der Katastrophe verstärken die Erschütterung. Zwar besteht zu diesem Zeitpunkt trotz aller Indizien noch keine letzte Gewißheit, ob die Maschine tatsächlich wie von der französischen Staatsanwaltschaft beschrieben vom Kopiloten mit Absicht zum Absturz gebracht wurde, ob nicht doch eine technische Ursache mit anschließender tragischer Kettenreaktion oder ein anderes Verhängnis ursächlich war. Man sehnt geradezu ein rein technisches Versagen als Ursache herbei.

Der sprichwörtliche junge Mann von nebenan

Denn es wäre zwar nicht das erste Mal, daß ein Pilot sein Flugzeug abstürzen ließ und dabei Passagiere mit in den Tod riß. Doch die bekannten Fälle spielten sich in Afrika oder bei einer ägyptischen Fluglinie ab, und die Ereignisse vom 11. September 2001 in New York sind ohnehin ein spezielles Kapitel. Diesmal aber kommt als Täter der sprichwörtliche junge Mann von nebenan in Betracht. Das macht das Geschehen noch unheimlicher und die Zukunft noch weniger kalkulierbar.

Das Fliegen hat mit der Etablierung der Billiganbieter seine Exklusivität verloren und ist zu einer massendemokratischen Angelegenheit geworden. Trotzdem hebt es in doppelter Hinsicht auch Vielflieger aus dem Alltag heraus. Die Lüfte sind nun mal kein Element, in dem der Mensch sich natürlicherweise bewegt. Enorme technische Mittel und die Fähigkeiten hochqualifizierter Spezialisten bilden dafür erst die Voraussetzung.

Man begibt sich in eine völlige Abhängigkeit

Wer ein Flugzeug betritt, begibt sich in eine völlige Abhängigkeit, in die Hand anderer. Das erzeugt Unwohlsein. Das professionelle Lächeln der Stewardeß, die die Passagiere am Einstieg erwartet, hat daher einen tieferen Sinn. Es signalisiert: „Bei uns sind Sie in guten Händen. Haben Sie Vertrauen zu uns!“ Das Lächeln, mit dem der Passagier ihre Freundlichkeit erwidert, besagt: „Ich glaube und vertraue Ihnen.“ So besiegeln sie das gegenseitige Einverständnis darüber, daß das Flugzeug nach menschlicher Voraussicht sicher landen wird.

Das Einverständnis besteht seine Belastungsprobe, wenn das Flugzeug wider Erwarten in Turbulenzen gerät. Dann schlägt die Stunde des Piloten, der sich über den Bordlautsprecher an die beunruhigten Fluggäste wendet und mit ruhiger Stimme erklärt, die Unannehmlichkeiten seien auf Witterungserscheinungen zurückzuführen, die in dieser Gegend und zu dieser Jahreszeit leider üblich seien und dieses oder jenes Manöver erforderten. Das Flugzeug werde trotzdem pünktlich landen. Die Passagiere entspannen sich, weil sie bestätigt finden, daß der Mann in der Kanzel weiß, was zu tun ist. Außerdem möchte er selber unversehrt zu Frau und Kindern zurückkehren.

Der Einbruch des Diabolischen in den Alltag

In solchen Situationen verdichtet und bestätigt sich das Urvertrauen, das ein soziales Leben überhaupt erst ermöglicht. Das gilt bis zu den banalsten Verrichtungen des Alltags. Wer aus dem Haus tritt, geht davon aus, daß die Passanten, die ihm begegnen, seine Unversehrtheit respektieren. Die Ausnahmen bestätigen lediglich die Regel.

Wie groß muß das Entsetzen der übrigen Besatzungsmitglieder und schließlich der Passagiere gewesen sein, als sie begriffen, daß der Kopilot ihr Urvertrauen benutzt hatte, um die sozialen Regeln nicht bloß zu übertreten, sondern in ihr Gegenteil zu verkehren. Der Filmregisseur Alfred Hitchcock antwortete auf die Frage, wovor er Angst habe: vor einem Mörder, der lächelt.

Was hier stattfand – immer vorausgesetzt, daß der Vorgang richtig geschildert wurde –, war der unvermittelte, unvorhersehbare und unabwendbare Einbruch des Diabolischen in den Alltag, und zwar als eine Möglichkeit menschlichen Handelns. Darin liegt die Fernwirkung dieser Katastrophe.

JF 15/15

Hubschrauber auf dem Weg zur Absturzstelle von Flug 4U 9525: Das Urvertrauen ist gebrochen Foto: picture alliance / dpa
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