„Spannend bis zuletzt!“

Frau Professor Carson, warum wollen so überraschend viele Amerikaner „Operation Walküre“ sehen?  Carson: Weil es ein sehr gut gemachter Film ist! Spannend bis zuletzt, obwohl man den Ausgang der Geschichte kennt. Einziges Manko: Mit Tom Cruise ist die Rolle des Grafen Stauffenberg fehlbesetzt, denn er bringt nicht die Komplexität dieses Mannes zum Ausdruck. Idealerweise hätte man sich dafür einen deutschen Schauspieler gewünscht. Oder wenigstens jemanden wie Liam Neeson, der bereits 1993 den Oskar Schindler spielte und der Herausforderung einer solchen Rolle gewachsen ist. Sie haben den Film bereits gesehen. Wie hat das Publikum während der Vorstellung reagiert? Carson: Der Film scheint die Leute wirklich in seinen Bann geschlagen zu haben. Ich hatte den Eindruck, viele waren geradezu hypnotisiert. Dabei sind wir Amerikaner nicht gewohnt, die Perspektive ausgerechnet deutscher Offiziere einzunehmen. Doch genau dieses Kunststück gelingt dem Film. Bei mir erzeugte er sogar ein Bedauern, mich nicht genauer mit den deutschen Belangen auszukennen. Ich würde gerne mehr erfahren über die Hintergründe nicht nur dieses großartigen Unternehmens, mitten im Krieg Adolf Hitler zu stürzen, sondern auch über die Gesellschaft und Kultur der Deutschen, aus der diese Männer kamen. Sie lehren seit 25 Jahren Film- und Medienpädagogik. Wie wirkt der Film auf junge Menschen? Carson: So mancher meiner Studenten hat schon einmal etwas von einem Attentat auf Hitler gehört. Aber man weiß hierzulande in der Regel nicht, wie umfangreich, weitverzweigt und wie hochrangig die Träger des deutschen Widerstandes waren. Oft fragen mich junge Leute: „Warum haben die Deutschen keinen Widerstand geleistet? Warum haben sie das alle tatenlos zugelassen?“ Dieser Film macht klar: So war es ja gar nicht! Kann der Film auch deutschen Jugendlichen eine positive Identität vermitteln? Carson: Das hoffe ich doch. Jugendliche interessieren sich heute sehr für das Thema Widerstand ganz allgemein, und da ist gerade die Auseinandersetzung mit einem Beispiel, das nicht dem Klischee unserer Zeit entspricht, besonders anregend, um Verständnis zu wecken und dazuzulernen. Der Harvard-Historiker Charles S. Maier meint, es sind die Hollywood-Filme, die heutzutage unser historisches Bewußtsein formen. Carson: Hollywood trägt zumindest einen großen Teil dazu bei. Wir erleben einen Epochenwechsel: Früher vermittelte die Gesellschaft ihre Werte unmittelbar durch ihre Institutionen wie Familie, Schule, Kirchengemeinde. Heute stehen unsere Kinder viel stärker unter dem Einfluß von Kino, Fernsehen und neuen Medien. Das heißt, in gewisser Weise hat die Technologie die Gesellschaft und die junge Generation entkoppelt. Das ist auch ein Grund, warum die Technologie bei den Jungen so beliebt ist, während die ältere Generation sie oft skeptisch beäugt. Denn für die einen bedeutet es Autonomie, für die anderen einen gewissen Kontrollverlust. Wie verändert sich unser Bewußtsein also unter dem Einfluß der Technologie? Carson: Ich gehöre zur älteren Generation und sehe das folglich eher skeptisch: Ich beobachte zum Beispiel, wie meine Studenten, kaum haben sie nach dem Seminar den Raum verlassen, schon ihre Mobiltelefone aufklappen. Es ist, als ob sie nicht in der Lage wären, auch nur für fünf Minuten mit ihren Gedanken alleine zu sein, als ob sie die Stille nicht ertragen könnten. Ich fordere sie deshalb auf, doch lieber zunächst über das nachzudenken, was wir eben diskutiert haben, und nicht gleich zu telefonieren oder ein Videospiel zu zücken. Für Tom Cruise läßt sich, wie er in einem Interview zusammenfaßte, die historische Substanz der Stauffenberg-Erhebung mit einem Satz erklären: „Ein Mann gegen das System.“ Carson: Das ist ein sehr US-typischer Blick auf die Dinge. Nach verbreiteter amerikanischer Vorstellung funktioniert Widerstand so: Da gibt es ein heroisches Individuum, das weiß, was zu tun ist, und charakterlich integer ist und hinter dem man sich nur einzureihen braucht. – Also eine sehr simple Auffassung eines so komplexen Vorgangs wie Widerstand. Meine Sorge ist, daß „Operation Walküre“ dazu führen könnte, die Leute nicht anzuregen, Fragen zu stellen und die Komplexität der deutschen Geschichte bzw. der damaligen historischen Situation zu ergründen, sondern daß sie sich damit zufriedengeben, was Cruise ihnen zeigt: eben ein Mann gegen das System – und dieses Schema dann für die reale Historie halten.   Banalisierung als Preis für Popularisierung? Carson: Natürlich, dank Tom Cruise lernen viele Graf Stauffenberg überhaupt erst kennen. Und sicherlich ist es löblich, daß Hollywood auch über den amerikanischen Tellerrand schaut und Themen aus anderen Ländern und Kulturen aufgreift. Andererseits tut es das auch, um damit seine Filmindustrie zu füttern, denn natürlich werden die Stoffe bei diesem Prozeß – um sie verkaufen zu können – amerikanisiert. Es ist also zumindest eine zwiespältige, für meine Begriffe sogar eher negative Angelegenheit. Warum? Carson: Weil ich in 25 Jahren Lehrtätigkeit feststellen mußte, daß die Studenten immer weniger historische Quellen lesen. Ich glaube, daß die Leute dadurch immer unduldsamer werden bei der Behandlung komplexer Zusammenhänge, sowohl in ihrem eigenen Leben als auch der historischen Welt. In „Operation Walküre“ wird so aus einer ganz spezifisch deutschen Figur wie Graf Stauffenberg ganz simpel ein Freiheitskämpfer nach amerikanischem Geschmack. Es wäre deshalb trotz allem besser gewesen, die philosophische und kulturelle Seite von Stauffenbergs Widerstand zu zeigen, den Wesenskern der Macht, die er bekämpfte, und seine Rebellion dagegen zu ergründen.   Prof. Dr. Diane Carson Die US-Medienpädagogin ist die ehemalige Präsidentin der amerikanischen University Film and Video Association (www.ufva.org) und Vorstandsmitglied der Society for Cinema and Media Studies (www.cmstudies.org). Geboren wurde sie 1946 in Saint Louis, Missouri.   „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ läuft seit diesem Donnerstag in den deutschen Kinos (Filmplakat unten). In den USA hat der Film (Vorschau unter www.walkuere-derfilm.de) bereits 71 Millionen Dollar eingespielt und liegt damit weit besser im Rennen als von den meisten US-Kritikern zunächst angenommen. Foto: Graf Stauffenberg (Tom Cruise, links) und seine Männer schreiten zur Tat: „Das sind wir Amerikaner nicht gewohnt“

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles